Nach dem Fall der letzten IS-Bastion in Syrien mehren sich die Warnungen vor einem Wiederaufstieg der Extremisten. Die Regierungen in Berlin, Paris und Washington würdigten zwar den militärischen Sieg, den die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) über die Terrormiliz errungen hatten. Gleichzeitig warnten Politiker und Militärs vor einer anhaltenden Bedrohung durch untergetauchte IS-Kämpfer.

Die von den Kurden angeführten SDF hatten am Samstag nach wochenlangen Kämpfen Baghus im Osten Syriens für befreit erklärt. Das sogenannte Kalifat sei vollständig zerstört worden, teilte SDF-Sprecher Mustafa Bali über Twitter mit. Mit dem Fall von Baghus endet ein fünf Jahre währender Krieg gegen den IS – zumindest vorläufig.

Kurdische Kämpferinnen und Kämpfer rechnen damit, dass der IS weiterhin Anschläge verüben könnte. SDF-Oberkommandierender Maslum Kobani sagte bei einer Zeremonie bei Baghus, der Kampf gegen die Terroristen gehe in eine neue Phase. Künftige Militäreinsätze müssten sich gegen IS-Schläferzellen richten, "die eine große Bedrohung für unsere Region und die ganze Welt" seien. Ähnlich äußerte sich der US-Gesandte für die Anti-IS-Koalition, William Roebuck: "Wir haben noch viel Arbeit vor uns, um eine dauerhafte Niederlage des IS zu erreichen", sagte Roebuck.

"Wir werden diese Bedrohung nicht unterschätzen"

Der IS ist zwar zerschlagen, verfügt aber noch immer über militärische Einheiten, die sich in den Wüstengebieten Syriens und des Irak versteckt halten. Diese Zellen sind weiterhin aktiv: Wie die irakische Armee mitteilte, sprengten sich am Sonntag drei IS-Attentäter im Nordirak in die Luft.

Westliche Politikerinnen und Politiker fürchten, dass die untergetauchten Islamisten ihren Kampf fortsetzen könnten. US-Präsident Donald Trump begrüßte zwar das Ende des IS-"Kalifats", mahnte aber zu Wachsamkeit. Die USA würden mit ihren "Partnern und Verbündeten weiter zusammenarbeiten, um radikale islamische Terroristen vollständig" zu besiegen.

Ähnlich äußerte sich der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD). Von Kämpfern des IS gehe weiterhin "eine erhebliche Gefahr" aus, sagte Maas einer Mitteilung des Auswärtigen Amts zufolge. "Wir werden diese Bedrohung nicht unterschätzen." Auch Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sagte, der Kampf gegen die Terrorgruppe müsse weitergehen.

Schreckensherrschaft der Dschihadisten

Der sogenannte "Islamische Staat" hatte 2014 weite Teile Syriens und des Irak unter seine Kontrolle gebracht und dort ein "Kalifat" ausgerufen. Die Dschihadisten errichteten eine Schreckensherrschaft mit Enthauptungen, Steinigungen und der sexuellen Versklavung von Frauen. Nach einer internationalen Militärintervention unter Führung der USA verlor der IS seine Hoheit jedoch nach und nach.

In den vergangenen Wochen hatten Tausende IS-Kämpfer ihre Posten aufgegeben und sich den SDF-Truppen gestellt. Sie wurden in Gefangenenlager gebracht und verhört. Mehr als 70.000 Flüchtlinge aus dem IS-Gebiet sind in dem von Kurden kontrollierten Lager Al-Hol untergekommen, wo Hilfsorganisationen von einer dramatischen humanitären Lage berichten.