Dieses Konzept des führerlosen Widerstandes ist in der militanten rechtsextremen Szene weltweit populär, weil es größtmöglichen Schutz vor staatlicher Verfolgung bietet. So sahen sich Anders Breivik, Dylann Roof und Robert Bowers, so sieht sich Tarrant, der behauptet, sein Anschlag sei ein "Akt gegen eine Besatzungsmacht" und der sich selbst als "uniformierten Kämpfer" bezeichnet. 

Die Anzahl dieser "einsamen Wölfe" ist weit höher als gemeinhin bekannt. Manchmal fallen sie Nachbarn auf, weil sie sich merkwürdig verhalten, manchmal werden die Sicherheitsbehörden über Spuren im Internet aufmerksam.

Im August 2012 nahmen tschechische Polizisten einen 29 Jahre alten Mann fest, der in seiner Wohnung Waffen, Munition und Polizeiuniformen gehortet hatte. Er war aufgefallen, weil er sich im Internet Breivik genannt hatte.

Im November 2012 gestand ein polnischer Uni-Dozent, dass er geplant hatte, das Parlament mit Sprengstoff anzugreifen und führende Politiker des Landes zu ermorden. Die Polizei hatte ihn ausfindig gemacht, als sie Breiviks Spuren nach Polen untersuchte.

Im Februar 2019, nur drei Wochen vor Tarrants Anschlag in Christchurch, wurde an der Ostküste der USA Christopher Paul Hasson festgenommen, ein rechtsextremer Mitarbeiter der Küstenwache, der offenbar Pläne hegte, Attentate auf missliebige Politiker zu verüben. Zwei Jahre lang hatte er Breiviks Manifest studiert und nach dessen Matrix begonnen, eigene Ziele auszuwählen.

Der Mythos vom modernen Kreuzritter

Wie Anders Breivik sieht sich auch Brenton Tarrant als moderner Kreuzritter, als ein Wiedergänger der Templer, die nach der ersten Jahrtausendwende den Worten von Papst Urban II. folgten, um Jerusalem von den Muslimen zu befreien. Breivik posierte mit einer kreuzverzierten Uniform vor der Kamera. Tarrant behauptet, er habe vor dem Anschlag den Segen der wiedergeborenen Templer eingeholt. Der Templerorden, behauptete Breivik 2011 in seinem Manifest, sei 2002 im Geheimen wieder gegründet worden. Seitdem stehe es jedem "Patrioten" frei, "als Richter, Jury und Scharfrichter" zugleich zur Tat zu schreiten und "dadurch Teil der Organisation zu werden". Eine zentrale Befehlsstruktur existiere nicht.

Noch vor Gericht beharrte Breivik darauf, diese Neugründung habe wirklich stattgefunden, auch wenn es dafür bis heute keine Belege gibt. Wahrscheinlicher ist, dass es ihm um den Mythos und die Propagandafunktion und darum ging, Nachahmer aufzustacheln – Männer wie Brenton Tarrant.

Und wenn am Ende gleich zwei Mörder behaupten, im Namen eines angeblichen Tempelritterordens gemeinsam mehr als 120 Menschenleben ausgelöscht zu haben: Entfaltet dann nicht allein die Idee dieses Ordens, die in der Szene ja weiterlebt, mindestens so viel Wirkungsmacht, wie eine reale Organisation es täte? Ist damit Louis Beams Idee eines "führerlosen Widerstandes" nicht effektiver umgesetzt worden, als jede rechtsextreme Organisation es gekonnt hätte?

Der schwedische Terrorexperte Magnus Ranstorp, einer der weltweit führenden Fachleute auf dem Gebiet, hatte schon 2011 nach Breiviks Anschlag davor gewarnt, dass die Zahl selbst ernannter Tempelritter wachse, und dazu geraten, "die Szene international zu beobachten". Ohne Erfolg. "Breivik hat diese ganze Ideologie der Kreuzritter geschaffen und ihr mit seiner Tat die Strahlkraft verliehen", sagt Peter Neumann.

Dschihadisten und Rechtsterroristen lernen voneinander

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 galten Dschihadisten zumindest im Westen als die prototypischen Terroristen: Ihre Bilder, ihre Ästhetik, ihre Taten bestimmten den Diskurs. Dass es auch linke und rechte Terroristen gab und gibt, geriet in den Hintergrund. Spätestens der Anschlag von Christchurch wird den Fokus wieder verschieben. Brenton Tarrant allein hat innerhalb von Minuten mehr Menschen ermordet als die RAF in all den Jahren ihres Bestehens.

Zugleich wird immer deutlicher, wie viel dschihadistische Täter mit Terroristen vom Muster Breiviks oder Tarrants mittlerweile verbindet. Sie sind wie kommunizierende Gefäße, die sich ideologisch konträr positionieren und zugleich operativ voneinander lernen. Seit 2010 zum Beispiel übernahmen Al-Kaida und später der IS das Konzept des "führerlosen Widerstands" und riefen ihre Anhänger dazu auf, selbsttätig Anschläge auszuführen, ohne sich zuvor mit ihnen in Verbindung zu setzen. Anders Breivik wiederum würdigte Al-Kaida als erfolgreiche Terrorgruppe. Lone wolves, einsame Wölfe, gelten Rechten wie Islamisten als erfolgversprechende Idee.

Die Inszenierungen als Tempelritter und der Rückgriff auf historische Figuren wie Karl Martell, der 732 bei Poitiers ein arabisches Heer schlug, sind eine direkte Antwort von Rechtsextremisten auf das schon länger gepflegte Narrativ der Islamisten vom sogenannten Dschihad gegen die Kreuzfahrer.  Es sind Versuche, ideologische Waffengleichheit herzustellen, indem man Mythen ähnlicher Dimension auffährt.

Parallelen finden sich bis in die individuelle Begründung der Taten hinein. Anis Amri, der den Berliner Weihnachtsmarkt im Namen des IS angriff, definierte seinen Anschlag als "Rache". Brenton Tarrant wiederum suggerierte, er sei (auch) der Rächer der Berliner Opfer. Der IS erklärte, seine Anschläge im Westen sollten dazu führen, dass Muslime in Europa sich entweder auf die Seite der "Ungläubigen" oder der "Gläubigen" stellten – so, wie es sich auch Tarrant erhofft, nur andersherum. Der wichtigste Unterschied: Wo der Dschihadismus mit dem Paradies lockt, kann der Rechtsextremismus nur mit weltlicher Aufopferung aufwarten. Auch deswegen ist das Selbstmordattentat vor allem für Dschihadisten eine Option.