Es gibt Gerichtsprozesse, in denen Rechtsstaaten es aushalten müssen, von Angeklagten verhöhnt zu werden. So wird es wohl auch im Falle von Brenton Tarrant laufen. Der mutmaßliche Attentäter von Christchurch ist offenbar entschlossen, auf einen Verteidiger zu verzichten und sich stattdessen selbst zu vertreten. Er wird sich nicht schuldig bekennen, und es wäre sehr überraschend, wenn er die Bühne des Gerichtssaals nicht nutzte, um seine Hassbotschaften zu verbreiten.

Die Aufgabe des Rechtsstaats wird es sein, die Tat aufzuklären und über die Schuld zu befinden. Beides ist, juristisch gesehen, nicht sehr kompliziert. Tarrant hat sich selbst beim Morden gefilmt. Es gibt bislang keine öffentlich bekannten Hinweise auf Mittäter oder Komplizen.

Trotzdem ist die Frage, ob Brenton Tarrant ein Solitär war, nicht so eindeutig zu beantworten. Denn er tötete nicht im Affekt wie ein Amokläufer. Er mordete aus erklärten ideologischen Gründen heraus. Seine Motive verknüpfen ihn mit anderen Tätern und mit einer weltweit bestehenden radikalen Szene.

Auf Utøya, Norwegen, marschierte am 22. Juli 2011 der als Polizist verkleidete Anders Breivik in ein Zeltlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation, nachdem er zuvor in der Osloer Innenstadt eine aus Dünger selbst gebastelte Autobombe gezündet hatte. Er tötete 77 Menschen und begründet dies damit, die Liberalen hätten den Tod verdient, das Christentum befände sich im Krieg gegen den Islam.

In Charleston, USA, betrat am 17. Juni 2015 ein junger Mann mit einem Prinz-Eisenherz-Haarschnitt eine Kirche der örtlichen Episkopalgemeinde und schoss auf die versammelten Gläubigen des Sonntagsgottesdienstes, ausnahmslos Afroamerikaner. Dylann Roof tötete neun Menschen. Er begründete dies damit, die Schwarzen hätten den Tod verdient, und gab an, er habe einen "Rassenkrieg" auslösen wollen.

In Pittsburgh, USA, stürmte am 27. Oktober 2018 ein 46-jähriger Mann in eine Synagoge, in der sich die Gläubigen gerade zum Sabbat-Gottesdienst versammelt hatten. Mit einem halb automatischen Gewehr eröffnete er das Feuer. Robert Bowers tötete elf Menschen. Er begründete dies damit, die Juden hätten den Tod verdient, weil jüdische Organisationen Flüchtlinge unterstützt hätten; er könne nicht untätig bleiben, wenn das weiße Volk "abgeschlachtet wird". 

Weiße Männer, die allen anderen den Krieg erklären

Utøya, Charleston, Pittsburgh, Christchurch – vier Anschläge in acht Jahren, die bestürzende Parallelen aufweisen und die einer ähnlichen Denkweise entsprungen sind, bei der sich die Attentäter aufeinander beziehen und sich, zumindest in Teilen, als Fortsetzung begreifen. Die Mörder sind allein handelnde Weiße, die sich im Internet mit Verschwörungstheorien munitioniert und im wirklichen Leben bewaffnet haben. Sie sind in einen unerklärten Krieg gezogen, ausgerufen von Rechtsextremisten in Europa und den USA. In diesem Krieg steht das Abendland gegen das Morgenland, Christentum gegen Islam, Weiß gegen Schwarz.

Der Schlachtruf dazu besteht aus 14 Wörtern, er wird dem amerikanischen Rechtsextremisten David Lane zugeschrieben. Robert Bowers, der Mörder von Pittsburgh, hat ihn ebenso zitiert wie Brenton Tarrant in Christchurch, der auf sein Gewehr mit weißer Farbe die Chiffre "14" schrieb: "Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für die weißen Kinder sichern."

Attentäter wie Breivik und Tarrant entspringen einer tödlichen, besonders radikalen Form der Identitätspolitik, die der amerikanische Professor Francis Fukuyama als die prägende politische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte diagnostiziert hat: der Zerfall der Gesellschaften in Gruppen und Grüppchen, die miteinander um Anerkennung und Vorherrschaft ringen. Islamismus und weißer Nationalismus seien "zwei Seiten der Medaille", sagt Fukuyama. Die Identitätskrise des Westens führe vom besonders ausgeprägten Individualismus zu einer "Suche nach einer gemeinsamen Identität". Sie verkürzt die Welt auf ein "Wir" und "Die".

Tarrant hat wie Breivik seine Identität darin gefunden, einen vermeintlichen Überlebenskampf der weißen "Rasse" auszurufen. Sie wehren sich gegen einen angeblichen von der "herrschenden Klasse" geplanten "Bevölkerungsaustausch". In seinem Pamphlet, 74 Seiten lang, schlichte, gerade Sprache, fabuliert Tarrant über einen "weißen Genozid", vergleicht die Fertilitätsraten von "Weißen" und Nicht-Europäern und wünscht Flüchtlingen "die Hölle". Seine Todesopfer, höhnt er, entstammten einer "sichtbaren und großen Gruppe an Eindringlingen von einer Kultur mit höherer Fertilitätsrate, höherem sozialen Zusammenhalt und starken Traditionen, die das Land meines Volkes besetzen und mein Volk ethnisch austauschen wollen".

Nachahmer animieren

Das Gerede über den "großen Austausch", wie Tarrant sein Pamphlet überschrieb, sei die bekannteste Verschwörungstheorie der Neuen Rechten, sagt der Extremismusforscher Peter Neumann vom Londoner King's College. Neben "kruden rassistischen Dingen" enthalte das Pamphlet "auch viele neurechte Elemente, die man eher bei Identitären finden würde".

Man könne ihn als Faschisten bezeichnen, bekennt Tarrant, seine rassistischen Tiraden garniert er mit Arbeiterklassenromantik und einem Faible für Ökologie. Als Vorbild nennt er den britischen Politiker Oswald Mosley, der 1932 die British Union of Fascists gründete und als Bekannter Adolf Hitlers galt. Tarrant träumt von einer Spirale der Gewalt, auf einen Schlag folgt ein Gegenschlag, er träumt von einer "weiteren Spaltung zwischen den Europäern und den Besatzern, die derzeit europäischen Boden okkupieren". Mit seinem Pamphlet will er weitere Nachahmer animieren, die mit der Waffe in der Hand aufstehen und eine moderne Form des "führerlosen Widerstands" praktizieren.

Die Idee stammt von den deutschen Nationalsozialisten, die 1945, als der Krieg schon verloren war, das Werwolfkonzept entwarfen. Einzelne Widerstandskämpfer sollten im vom Feind besetzten Deutschland Anschläge begehen. Der texanische Rechtsextremist Louis Beam, 72, der erst beim Ku-Klux-Klan und später bei der Aryan Nation eine führende Rolle spielte, entwickelte das Konzept weiter und predigte den "führerlosen Widerstand" einzelner Kleingruppen und Personen, die ohne Befehle und ohne Vernetzung untereinander auskommen.