Es war dieser Ort, an dem ihr Stern so hell erstrahlte. Doch als Julija Timoschenko am Abend des 22. Februar 2014 auf der Bühne des Maidan, dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, zu den Menschen sprach, da wirkte es trotzdem so, als sei ihr Stern verglüht. Für ihre Brandrede über eine "neue, freie Ukraine" erntete die Frau im Rollstuhl, die erst wenige Stunden zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden war, nur verhaltenen Applaus. Gerade hier, auf dem Maidan, an dem sie zehn Jahre zuvor die Orange Revolution angeführt hatte, schlug ihr Unverständnis entgegen.

Vor fünf Jahren schien es so, als seien die großen Zeiten der Julija Timoschenko vorbei. Zwar war ihr großer Widersacher, der Präsident Wiktor Janukowitsch, der sie unter fadenscheinigen Gründen für mehrere Jahre hinter Gitter gebracht hatte, nach Russland geflohen. Doch in den dramatischen Tagen nach dem Maidan-Umsturz schien es nicht gerade so, als hätten die Ukrainerinnen und Ukrainer auf die Oppositionsführerin gewartet. Zu groß war die Sehnsucht nach neuen Gesichtern, zu sehr schien sie als zweimalige Premierministerin verstrickt in das alte System, zu unglaubwürdig ihr Ruf als "Gasprinzessin", die ausgerechnet im Gashandel mit Russland reich geworden war.

Doch heute ist Timoschenko zurück. Bei den Präsidentschaftswahlen am 31. März 2019 hat die 58-Jährige gute Chancen, in die Stichwahl zu kommen. In Umfragen liegt sie mit knapp 19 Prozent auf Platz zwei. Bevor der Komiker Wolodymyr Selenskyj seine Kandidatur bekannt gab und die Umfragen stürmte, führte sie sogar noch alle Rankings an. Wie war dieses Comeback möglich?

Julija, die Kriegerin und Kümmerin

Im Kiewer Sitz der Partei Batkiwschtschyna (Vaterland) ist die lange politische Karriere Timoschenkos freilich nichts, wofür man sich zu schämen scheint. Die Wände des Treppenhauses sind mit den bunten Bildern der Orangen Revolution tapeziert, im Zentrum steht immer die Frau mit dem breiten blonden Haarkranz. Im Büro von Serhiy Wlasenko hängt sogar ein Bildnis der Parteichefin als Jeanne d'Arc in Ritterrüstung, strenger Blick, aber die Handflächen sanft geöffnet, auf denen sie kleine Vögelchen, wohl Sperlinge, hält. Julija, die Kriegerin und Kümmerin, Öl auf Leinwand.

Der ukrainische Abgeordnete Serhiy Wlasenko vor einem Bildnis Julija Tymoschenkos © Simone Brunner

Der 42-jährige Wlasenko hat Timoschenko bei ihren Strafprozessen verteidigt, heute sitzt er für die Vaterlandspartei im Parlament. Wieso wirbt ausgerechnet eine Kandidatin, die schon am längsten in der ukrainischen Politik mitmischt, mit einem "neuen Kurs der Ukraine", wie es auf ihren Plakaten heißt? "Kein anderer Kandidat hat ein derart detailliertes Wahlprogramm vorgelegt wie Julija", sagt Wlasenko. Ein Programm mit Vorschlägen zur Verfassung, Wirtschaft und zu Sozialem. Tatsächlich startete Timoschenko schon mit ihrem Programm in den Wahlkampf, als andere noch nicht einmal ihre Kandidatur bekannt gegeben hatten. Die Politveteranin hat sich akribisch auf diesen Wahlkampf vorbereitet.

Man habe den Fehler gemacht, sie zu früh abzuschreiben, meint Balázs Jarábik vom Carnegie Endowment for International Peace: "2014 kam sie direkt aus dem Gefängnis, sie war schlichtweg nicht am Puls der Zeit." Doch schnell fand sie sich wieder in ihrer neuen Rolle ein. Während sie zu Beginn noch mit der Poroschenko-Partei koalierte, schied sie bald aus dem Bündnis aus und wurde zur schärfsten Kritikerin des Sparkurses der Regierung. Heute verspricht sie, die Gaspreise für Haushalte zu senken. Es ist ihr wichtigstes Wahlkampfthema – immerhin haben sich die Gaspreise seit dem Maidan vervielfacht. Wobei offen ist, wie sie das umsetzen will, denn die Reform des korrupten Gassektors ist an milliardenschwere IWF-Kredite geknüpft. "Es sind vor allem die ärmeren, dörflichen Regionen sowie die Rentner, die am meisten unter den hohen Betriebskosten leiden", sagt der Politologe Wolodymyr Fesenko. Timoschenkos Kernwählerschaft.

Timoschenkos Comeback muss man freilich auch in Beziehung setzen: Mit den fast 13 Prozent, die sie immerhin noch vor fünf Jahren erreichte, stand sie damals zweifellos im Schatten des überwältigenden Sieges Poroschenkos, der die Präsidentschaftswahlen 2014 mit knapp 55 Prozent schon im ersten Durchgang für sich entschied. Mit 19 Prozent unterstützen Timoschenko heute nur unwesentlich mehr Ukrainer – damit hat sie heute aber alle Chancen auf das Präsidentenamt. Weil fünf Jahre nach dem Maidan die politische Landschaft der Ukraine zerrütteter ist denn je. "Die Enttäuschung über Poroschenko und seine Regierung haben ihr geholfen, wieder zurückzukommen", sagt Jarábik. Ihre Stärke ist eher die Schwäche der anderen Kandidaten.