Pünktlich zum Jahrestag der Annexion der Krim durch Russland spricht ein deutscher Ex-Kanzlerberater von ukrainischen Präsidenten als "Lumpen". Horst Teltschik, der Kanzler Helmut Kohl zur Zeit der Wiedervereinigung beriet, bezog das nicht nur auf jenen Präsidenten, der von vielen Ukrainern selbst so bezeichnet wird, nämlich auf den im Maidan-Aufstand von 2014 gestürzten Viktor Janukowitsch, sondern auf "alle".

Interessant ist diese Einschätzung aus zweierlei Gründen. Erstens wählt die Ukraine tatsächlich in einer Woche einen neuen Präsidenten, und da muss man genau schauen, wen. Zweitens ist Horst Teltschik nicht irgendwer, sondern als Ex-Außenpolitiker und Ex-Chef der Münchner Sicherheitskonferenz Repräsentant der deutschen außenpolitischen Elite. Er wird von Talkshows und Buchverlagen herumgereicht. Wie erklärt sich der arrogante und herabwürdigende Ton gegenüber dem osteuropäischen Land Ukraine?

In einer Woche wählen die Ukrainer ihren neuen Präsidenten. In den Umfragen liegt der Schauspieler und Komiker Wolodymyr Selenskyj vorne, dessen politische Erfahrung vor allem darin liegt, dass er den Präsidenten spielt. Dahinter folgen die ehemalige Ministerpräsidentin Julija Timoschenko und der Amtsinhaber Petro Poroschenko. Selenskyjs Führung wirkt aus deutscher Sicht reichlich schräg, genauso wie es die zahlreichen liegen gebliebenen Reformprojekte der Ukraine tun. Nach wie vor haben Oligarchen zu viel Einfluss, die Korruption im Land wuchert.

Alte deutsche Stereotypen

Doch für Arroganz von außen besteht kein Anlass. Die Ukraine ist ein Land, das in einem von Moskau aufgezwungenen Krieg steht. Und trotzdem wird in Kiew frei gewählt, frei gesprochen, frei geschrieben und frei diskutiert. Poroschenko geht nicht über Leichen der Opposition, er hat auch kein Nachbarland überfallen. Und das Beste: Der Wahlausgang steht nicht von vornherein fest. Das ist viel mehr, als man etwa von Russland erwarten kann.

Warum also diese Überheblichkeit? Horst Telschik ist ja kein Einzelfall. Nehmen wir den Ex-SPD-Außenpolitiker Erhard Eppler, der die Ukraine einen "im besten Fall werdenden Staat" genannt hat. Ein deutscher Ex-Kanzler meinte, die Ukraine sei gar kein "Nationalstaat", wohl auch keine Nation. Alexander Neu von der Linken sagte kürzlich, die Souveränität der Ukraine entspreche der "eines dreijährigen Kindes, in Abhängigkeit von seiner Mama".

Hinter diesen Stereotypen verbirgt sich dreierlei. Erstens Amnesie. Teltschik, Eppler und andere weisen zu Recht darauf hin, wie sehr Russland im Zweiten Weltkrieg unter dem deutschen Angriff zu leiden hatte. Sie erwähnen nur leider nicht, dass vor allem die Sowjetrepubliken Ukraine und Belarus die Hauptschlachtfelder mit den meisten Opfern und Zerstörungen waren. Das deutlich zu sagen, relativiert nicht die deutschen Verbrechen an den Russen.

Zweitens offenbaren solche Aussagen eine sehr fragwürdige Überlegenheitsattitüde gegenüber einem osteuropäischen Land. "Chronische Misswirtschaft", "unvollständige Staatlichkeit", "Unfähigkeit zur staatlichen Organisation" – das sind alte deutsche Stereotypen gegenüber den Slawen. Nachlesen lässt sich das in Lew Kopelews hervorragenden West-Östlichen Spiegelungen.

Drittens erinnern derlei Sprüche an das großmächtige Augenzwinkern zwischen Berlin und Moskau, das die kleineren osteuropäischen Nationen zu oft ignorierte. Molotow-Ribbentrop war die brutale Expansionsvariante. Die Entspannungsvarianten der bundesdeutschen Ostpolitik waren Brandt-Breschnew, Schmidt-Breschnew und Kohl-Gorbatschow. Das Reden unter Großen war im Kalten Krieg die Realität. Eben jene von Teltschik und Eppler.

Außenminister Heiko Maas hat nicht von ungefähr in der SPD viel Ärger bekommen, als er 2018 begann, von einer "europäischen Ostpolitik" zu sprechen. Ostpolitik auf alle Osteuropäer und nicht nur auf Moskau auszurichten, ist für Teile der deutschen Elite offenbar immer noch gewöhnungsbedürftig. Nicht nur für Putin wird es Zeit, sich 28 Jahre nach dem Untergang des Sowjetimperiums endlich mit seinem Ende abzufinden.