Je näher die Knesset-Wahl in Israel rückt, desto skrupelloser wird der amtierende Premier Benjamin Netanjahu. Dennoch bleibt es auf den Straßen ruhig. Warum aber gibt es heute keine richtige Protestbewegung gegen ihn? Warum demonstrieren keine zehntausenden Menschen mehr gegen Netanjahu? "Die Menschen sind müde", meint Emilie Moatti. "Und sie haben Angst, etwas zu tun, was nicht legitim erscheint. Denn das hat Bibi in den letzten zehn Jahren geschafft: dem Volk einzutrichtern, dass alles, was es gegen ihn unternimmt, Verrat und Betrug sei." Moatti sagt das nicht wütend oder entsetzt, sondern mit einem feinen Lächeln.

Denn Bibi, wie der Premier von allen Israelis genannt wird, hat sie veranlasst, politisch aktiv zu werden. "Das macht mich glücklich. Dafür bin ich dankbar!" Die 39-jährige, die sich stets schwarz kleidet und dünne Zigarillos raucht, ist ein bekanntes Gesicht in Israel. Seit Jahren ist sie als innenpolitische Expertin in Talkshows zu sehen. Sie spricht die Dinge offen an, argumentiert emotional, aber faktenkundig. Sie hat einen hoch gelobten Roman veröffentlicht, schreibt regelmäßig für die linksliberale Haaretz und arbeitet fürs Radio. Viele Jahre hat sie als PR-Fachfrau Kampagnen für verschiedene israelische Parteien geplant und durchgeführt. 

Entdeckt wurde sie von Zipi Livni, als diese noch zur Kadima-Partei gehörte und Oppositionsführerin in der Knesset war. Sie hatten sich in Paris kennengelernt, wo Emilie sechs Jahre lebte. Livni holte sie nach Israel zurück. Moatti plante später für die von Livni gegründete Hatnua-Partei den Onlinewahlkampf. Sie organisierte 2015 auch die PR-Kampagne der Vereinigten Arabischen Liste auf Hebräisch. Wo sie politisch steht – links von der Mitte – wusste daher jeder im Land, lange bevor sie sich entschloss, selbst aktive Politikerin zu werden. Das war im Mai 2018. Ihre politische Heimat wurde Avoda, die Arbeitspartei, oder zumindest das, was von der einst stolzen und staatstragenden Partei übrig geblieben ist.

Jedes dritte Kind lebt unter der Armutsgrenze

Warum gerade die Arbeitspartei? "Wenn man links ist, hat man noch Moral. Denn das Schicksal der Armen und Schwächsten lässt uns nicht kalt", sagt Emilie Moatti. Bibis Israel sei längst ein Land der Reichen geworden. Tatsächlich boomt Israel, in vielen Wirtschaftsbereichen gehört der jüdische Staat zur Weltspitze, insbesondere im High-Tech-Sektor. Aber: Jedes dritte Kind in Israel lebt unterhalb der Armutsgrenze. Das liege auch an der Wirtschaftspolitik Netanjahus, erklärt Moatti: Bibi kümmere sich nicht um die Armen und Schwachen. "Und wenn das geschieht, hat man für niemanden mehr Achtung. Das ist nicht nur ein soziales Problem, sondern ein ethisches."  

Für Emilie Moatti geht es bei den kommenden Wahlen um alles. "Es geht nicht um links oder rechts, es geht um Anstand oder eben keinen Anstand." Begonnen habe das Problem bereits vor Jahren. Bis Benjamin Netanjahu 2009 erneut Premier geworden ist, gab es in Israel tatsächlich stets einen gesellschaftlichen Kitt, der das ganze Land zusammenhielt.

Ob links oder rechts: Man kämpfte für das Wohl des Landes, stritt sich über den richtigen Weg, doch man hielt zusammen. "Ich habe weder Ariel Sharon noch Ehud Olmert als Premier gewählt. Aber: Sie waren meine Premiers." Und lächelt nun ein wenig bitter: "Netanjahu war der erste Premier, der nur noch von uns und denen gesprochen hat, er machte seine politischen Gegner zu Feinden. Es gab nur noch loyale oder illoyale Menschen. Und auf einmal gehört man nicht mehr dazu, da bricht etwas in einem zusammen." Das Lächeln ist verschwunden.

Wann sie begriffen hat, dass Netanjahu eine Politik der Spaltung betreibt? "Da war ich sechzehn. Netanjahu hatte damals im Wahlkampf den orientalischen Rabbiner Kadouri besucht und dabei gesagt, die Linken wüssten nicht, was es heißt, Jude zu sein. Da verstand ich sofort: Dies ist der Samen für etwas sehr, sehr Schlechtes."