Plötzlich Präsident

Die Komiker auf der Bühne sind um keine Scherze verlegen, heute bekommt jeder sein Fett ab. Sei es der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, die ehemalige Ministerpräsidentin Julija Timoschenko oder der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko. Wenngleich die Schauspieler immer wieder zwischen den Einlagen einstreuen: "Nichts davon ist politisch! Das ist kein Wahlkampf! Alles nur ein Scherz!" Die Menge grölt.

Angeblich nichts ist ernst in diesem zweistündigen Abendprogramm an einem Freitagabend im Februar, zwischen Klamauk und Liederabend, hier, im muffigen Kultursaal der ukrainischen Industriestadt Bila Zerkwa, eine Autostunde südlich von Kiew. Hunderte Menschen sind gekommen, um den Gags der Komiker von Kwartal-95 zu lauschen – wenngleich manche der Witze weit unter der Gürtellinie liegen. "Warum hast du so weiße Zähne?", wird ein kleiner, schlanker Mann mit Kurzhaarfrisur während einer Gesangseinlage gefragt. "Weil ich niemals den Mist essen würde, den ich selbst produziere", gibt dieser zurück, mit einem Seitenhieb auf den Präsidenten und Schokoladenfabrikanten Poroschenko.

Was hierzulande nach derbem Karneval klingen mag, ist in der Ukraine derzeit Teil eines Wahlkampfs. Wolodymyr Selenskyj, ein 41-jähriger Komiker, der gerade auf der Bühne unter schallendem Gelächter den ukrainischen Präsidenten gemimt hat, führt derzeit die Umfragen zu den Präsidentschaftswahlen am 31. März an. Zu Beginn der Show ruft ein Zuschauer aus dem gut gefüllten Saal: "Selenskyj ist unser Präsident!" – "Da bin ich ganz Ihrer Meinung", gibt der Showmaster strahlend zurück.

Die meisten Ukrainer kennen Selenskyj durch seine Rolle als tollpatschigen Geschichtslehrer Wasyl Holoborodko in der TV-Serie Sluga Naroda (deutsch: "Diener des Volkes"). Nachdem seine Schüler einen spontanen Wutausbruch des Lehrers über die ukrainischen Verhältnisse auf YouTube geteilt haben, wird Holoborodko überraschend zum Präsidenten der Ukraine gewählt – und macht sich daran, mit der Korruption im Staat aufzuräumen. Dabei stolpert er durch die Abgründe der Kiewer Politik, vom Staatsbankrott über Oligarchenintrigen bis hin zu durchzechten Partynächten mit den IWF-Vertretern. Zum Gaudium eines Millionenpublikums: Die Polit-Comedy startete 2015, wurde inzwischen auch von Netflix gekauft und auf YouTube häufig (zweite Staffel: 8,9 Millionen) geklickt.

Was zuletzt nur auf den Fernsehbildschirmen zu verfolgen war, könnte nun Wirklichkeit werden. Das Politmärchen vom redlichen "Diener des Volkes" könnte auch außerhalb der Fernsehbildschirme eine Fortsetzung finden, dank der Hilfe eines mächtigen Mannes, der die Kandidatur des Komikers unterstützt. Die Serie mit Selenskyj wird auf dem ukrainischen Privatsender 1+1 ausgestrahlt. Der TV-Sender gehört dem ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomojskyj, einem Erzfeind Petro Poroschenkos.

Die Geschichte des Oligarchen Kolomojskyj ist eine des Aufstiegs und des Falls: Nach dem Zerfall der Sowjetunion gründete der studierte Ingenieur aus Dnipropetrowsk die Privatbank, die später zur größten Bank der Ukraine wurde. Über diverse Beteiligungen im Energiegeschäft, an Medien und an Fluglinien (unter anderem Ukraine International Airlines) stieg er zum zweitreichsten Ukrainer auf. Als mit dem Euro-Maidan eine neue politische Ära anbrach, stellte sich Kolomojskyj, anders als der reichste Ukrainer, Rinat Achmetow, entschlossen gegen die prorussischen Separatisten in der Ostukraine. Er finanzierte eine Privatarmee, Freiwilligenbataillone und setzte sogar ein Kopfgeld über 10.000 US-Dollar für russische "Saboteure" aus.

Nach der Maidan-Revolution wurde er zum Gouverneur der ostukrainischen Oblast Dnipropetrowsk ernannt. Als ein neues Gesetz Kolomojskyjs Einfluss auf das ukrainische Ölpipelinenetz beschnitt, ließ der Oligarch sogar die Kiewer Zentrale des Unternehmens durch seine Privatarmee stürmen. Kurz darauf berief ihn Poroschenko von seinem Gouverneursposten ab, 2016 wurde seine Privatbank verstaatlicht. Seither muss sich der 56-Jährige mit Klagen herumschlagen. Aber seinen populären Privatsender 1+1 besitzt er noch immer. Dort lässt er seine politischen Gegner nicht sehr oft zu Wort kommen.

Was ist Fiktion, was Realität?

Über die politischen Ambitionen des Schauspielers Selenskyj war schon lange spekuliert worden – umso mehr, als im Jahr 2017 die Partei Sluga Naroda beim Justizministerium registriert worden war. Doch erst in der Neujahrsnacht gab der Showman seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen bekannt – zur besten Sendezeit, auf Kolomojskyjs Sender 1+1, und kurz bevor Präsident Petro Poroschenko seine traditionelle Neujahrsansprache hielt. Seitdem sind Selenskyjs Umfragewerte explodiert: Laut einer Umfrage würden heute 25,1 Prozent der ukrainischen Wählerinnen und Wähler für Selenskyj stimmen, gefolgt von Poroschenko (16,6 Prozent) und Julija Timoschenko (16,2 Prozent). 

Statt bei Wahlveranstaltungen Hände zu schütteln, tourt Selenskyj in seiner Wahlkampagne mit seiner Komiker-Kombo durch die Ukraine und reißt Witze über seine Gegenkandidaten. Statt Interviews zu geben, steht er für die dritte Staffel der Serie Sluga Naroda vor der Kamera. Statt sein Wahlprogramm zu präsentieren, wird vor jeder Show der Trailer für die neue Staffel abgespielt. Dort sehen die Zuschauenden, wie der TV-Präsident in einem fiktiven Fernsehinterview über seine Träume spricht: Frieden im Donbass, die Rückeroberung der besetzen Gebiete, die Olympischen Sommerspiele in Simferopol, der Hauptstadt der annektierten Krim. Die geplante Ausstrahlung der nächsten Staffel? Jetzt, im Monat der Präsidentschaftswahlen. So funktioniert die Holoborodko-/Selenskyj-Show. 

Aber wen wählen die Ukrainer und Ukrainerinnen eigentlich, wenn sie am 31. März beim Kandidaten Selenskyj ihr Kreuz machen? Den realen Schauspieler, den fiktiven TV-Präsidenten? Oder doch eine Oligarchenmarionette? Dmytro Rasumkow sitzt im Wahlkampfstab, einem hellen Büro inmitten des Kiewer Botschafterviertels. Blendend weiße Stühle und Tische, eine Glasscheibe gibt den Blick frei auf das Großraumbüro, in dem junge Männer und Frauen mit Headsets in ihre Laptops tippen. Die erste Frage wischt der Politikberater schnell vom Tisch. "Das sind doch völlig unterschiedliche Figuren." Während der fiktive TV-Präsident "schwach und unbeholfen" sei, sei Selenskyj "hart, aber fair". Die Frage zu Kolomojskyj quittiert er mit einem Scherz. "Schade, Sie haben ihn verpasst, er ist gerade zur Tür raus", witzelt er. "Ob Sie es mir nun glauben, oder nicht: Selenskyj trifft hier die Entscheidungen und nicht Kolomojskyj."

Rasumkow hat mitgeholfen, Selenskyjs Parteiprogramm zu schreiben. Er drückt sich druckreif aus, von Selenskyj spricht er nur von "Wolodymyr". Inhaltlich stünde Selenskyj für eine liberale Wirtschaft, eine prowestliche Politik und direkte Demokratie, sagt Rasumkow. "Außerdem lernt er schnell und ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der nicht etwa durch die Privatisierung reich wurde, sondern sein Vermögen selbst aufgebaut hat", mit Hinblick auf die mächtigen Mitbewerber Poroschenko und Timoschenko.

Krieg, Korruption, Armut – viele Probleme sind auch fünf Jahre nach dem Maidan noch ungelöst. Doch es sind nicht so sehr die Ideale des Maidan, die hier im Wahlkampfstab durchklingen, sondern Parolen, die Selenskyj eher in die Nähe anderer Populisten rücken, wie etwa Beppe Grillo. Oder Donald Trump, wie der ehemalige Investigativjournalist Serhij Leschtschenko meint. "Beide sind oder waren TV-Stars, und beide verkaufen ihre Träume", so der heutige Abgeordnete zu Reuters. "Und die Leute sind bereit, diesen Traum mitzuträumen, weil sie genug von der alten politischen Klasse haben."

Wie sehr Selenskyj wirklich außerhalb des Systems ist, daran haben viele ihre Zweifel. Während der Oligarch Kolomojskyj jede Verbindung zu Selenskyj dementiert, fand er dieser Tage dennoch klare und lobende Worte für den Kandidaten. "Selenskyj ist für mich ein Symbol für einen Generationenwechsel", so Kolomojskyj in einem BBC-Interview: "Die Ukraine braucht nicht nur einen Selenskyj, sondern Millionen Selenskyjs."