Über die politischen Ambitionen des Schauspielers Selenskyj war schon lange spekuliert worden – umso mehr, als im Jahr 2017 die Partei Sluga Naroda beim Justizministerium registriert worden war. Doch erst in der Neujahrsnacht gab der Showman seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen bekannt – zur besten Sendezeit, auf Kolomojskyjs Sender 1+1, und kurz bevor Präsident Petro Poroschenko seine traditionelle Neujahrsansprache hielt. Seitdem sind Selenskyjs Umfragewerte explodiert: Laut einer Umfrage würden heute 25,1 Prozent der ukrainischen Wählerinnen und Wähler für Selenskyj stimmen, gefolgt von Poroschenko (16,6 Prozent) und Julija Timoschenko (16,2 Prozent). 

Statt bei Wahlveranstaltungen Hände zu schütteln, tourt Selenskyj in seiner Wahlkampagne mit seiner Komiker-Kombo durch die Ukraine und reißt Witze über seine Gegenkandidaten. Statt Interviews zu geben, steht er für die dritte Staffel der Serie Sluga Naroda vor der Kamera. Statt sein Wahlprogramm zu präsentieren, wird vor jeder Show der Trailer für die neue Staffel abgespielt. Dort sehen die Zuschauenden, wie der TV-Präsident in einem fiktiven Fernsehinterview über seine Träume spricht: Frieden im Donbass, die Rückeroberung der besetzen Gebiete, die Olympischen Sommerspiele in Simferopol, der Hauptstadt der annektierten Krim. Die geplante Ausstrahlung der nächsten Staffel? Jetzt, im Monat der Präsidentschaftswahlen. So funktioniert die Holoborodko-/Selenskyj-Show. 

Aber wen wählen die Ukrainer und Ukrainerinnen eigentlich, wenn sie am 31. März beim Kandidaten Selenskyj ihr Kreuz machen? Den realen Schauspieler, den fiktiven TV-Präsidenten? Oder doch eine Oligarchenmarionette? Dmytro Rasumkow sitzt im Wahlkampfstab, einem hellen Büro inmitten des Kiewer Botschafterviertels. Blendend weiße Stühle und Tische, eine Glasscheibe gibt den Blick frei auf das Großraumbüro, in dem junge Männer und Frauen mit Headsets in ihre Laptops tippen. Die erste Frage wischt der Politikberater schnell vom Tisch. "Das sind doch völlig unterschiedliche Figuren." Während der fiktive TV-Präsident "schwach und unbeholfen" sei, sei Selenskyj "hart, aber fair". Die Frage zu Kolomojskyj quittiert er mit einem Scherz. "Schade, Sie haben ihn verpasst, er ist gerade zur Tür raus", witzelt er. "Ob Sie es mir nun glauben, oder nicht: Selenskyj trifft hier die Entscheidungen und nicht Kolomojskyj."

Rasumkow hat mitgeholfen, Selenskyjs Parteiprogramm zu schreiben. Er drückt sich druckreif aus, von Selenskyj spricht er nur von "Wolodymyr". Inhaltlich stünde Selenskyj für eine liberale Wirtschaft, eine prowestliche Politik und direkte Demokratie, sagt Rasumkow. "Außerdem lernt er schnell und ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der nicht etwa durch die Privatisierung reich wurde, sondern sein Vermögen selbst aufgebaut hat", mit Hinblick auf die mächtigen Mitbewerber Poroschenko und Timoschenko.

Krieg, Korruption, Armut – viele Probleme sind auch fünf Jahre nach dem Maidan noch ungelöst. Doch es sind nicht so sehr die Ideale des Maidan, die hier im Wahlkampfstab durchklingen, sondern Parolen, die Selenskyj eher in die Nähe anderer Populisten rücken, wie etwa Beppe Grillo. Oder Donald Trump, wie der ehemalige Investigativjournalist Serhij Leschtschenko meint. "Beide sind oder waren TV-Stars, und beide verkaufen ihre Träume", so der heutige Abgeordnete zu Reuters. "Und die Leute sind bereit, diesen Traum mitzuträumen, weil sie genug von der alten politischen Klasse haben."

Wie sehr Selenskyj wirklich außerhalb des Systems ist, daran haben viele ihre Zweifel. Während der Oligarch Kolomojskyj jede Verbindung zu Selenskyj dementiert, fand er dieser Tage dennoch klare und lobende Worte für den Kandidaten. "Selenskyj ist für mich ein Symbol für einen Generationenwechsel", so Kolomojskyj in einem BBC-Interview: "Die Ukraine braucht nicht nur einen Selenskyj, sondern Millionen Selenskyjs."