Viele meiner Freunde aus Syrien, Ägypten und Tunesien schauen in diesen Tagen gebannt auf ihre Laptops und Handys. Auf Twitter und Facebook posten sie nahezu im Minutentakt die aktuellen Entwicklungen: Wieder Proteste in Khartum, der Autokrat Omar al-Bashir wird gestürzt, sein Nachfolger, der Militärherrscher Ibn Auf, gibt auf Druck der Demonstranten seinen Rücktritt bekannt, dann verkündet der regierende General Abdel Fattah al-Burhan, der Chef des verhassten Geheimdienstes sei abgetreten. In Algerien tritt der Despot Abdelaziz Bouteflika ab, trotzdem gehen jeden Tag Hunderttausende auf die Straße, um nachhaltige politische Veränderungen anzustoßen.

Die Menschen im Sudan und in Algerien sind ihrer korrupten und repressiven Führung überdrüssig. Und sie zeigen der Welt: Die Freiheit, die für viele im Westen selbstverständlich ist, muss für die meisten Menschen hart erkämpft werden. Aber vielleicht muss sie keine Utopie bleiben, wenn das Volk zusammenhält und sich beharrlich dafür einsetzt.

Noch ist nicht klar, welche Entwicklungen Sudan und Algerien nehmen werden. Ob sich im Sudan Opposition und Militär wirklich auf die Schaffung einer zivilen Übergangsregierung und Reformen des Sicherheitsapparates einigen werden, und ob das Militär in Algerien tatsächlich die Interessen des Volks vertreten wird. Doch die Bilder von jubelnden Frauen und Männern, die mit Sprechchören und Tanzeinlagen auf Autodächern ihre Despoten zu Fall zu bringen, haben einen enormen Wert – für alle, die Demokratie wichtig finden, und vor allem für viele in der arabischsprachigen Welt. 

"Wir werden weitermachen"

Nicht nur rufen diese Bilder Erinnerungen wach an die Zeit, als sich Studenten, Blogger, Ärzte und Künstler auf den Plätzen von Kairo, Tunis und Aleppo versammelten, um friedlich für Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu demonstrieren. Sie sind auch eine Bestätigung dafür, dass die sogenannte Bewegung des Wandels, die schon vor 2011 begonnen hatte, noch lebt. "Wir sind noch nicht fertig" schreiben viele Ägypter, Syrer und Tunesier in den sozialen Medien, "wir werden weitermachen". Es ist auch ihr Kampf, der da gefochten wird.

Was sich in diesen Tagen in Nordafrika und dem Mittleren Osten zeigt, ist etwas, was in der westlichen Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren eher wenig Beachtung fand: Der Wille der Menschen, in Würde zu leben, ist noch da, trotz aller Rückschläge. 

Die Ägypter hatten 2011 nach tagelangen Protesten auf dem Kairoer Tahrir-Platz Hosni Mubarak aus dem Amt gejagt. Dann aber mussten sie erleben, wie das Militär den ersten frei gewählten Präsidenten Mohammed Mursi wegputschte, um mit Abdel Fattah al-Sissi ein totalitäres Regime zu errichten, das jede Kritik mit drastischen Strafen ahndet. In Tunesien konnten die Demonstranten Zine el Abidine Ben Ali absetzen, doch trotz einiger politischer Erfolge hat das Land viele Probleme: den Terrorismus, die Wirtschaftskrise und die Perspektivlosigkeit der Jungen. Für die Syrerinnen und Syrer war es besonders bitter: Machthaber Baschar al-Assad ging mit aller Brutalität gegen den friedlichen Aufstand der Jugend vor. Lieber ließ er das Land in einen katastrophalen Krieg gleiten, als seine Macht aufzugeben und Reformen einzuleiten.

Im Westen haben diese Entwicklungen bei vielen zu einer Art selbstbestätigender Resignation geführt. Statt vom Arabischen Frühling sprachen Kommentatorinnen und Politiker nun vom Arabischen Winter, die Revolutionen, wiederholten sie, seien gescheitert. Als ob derartige Umbrüche über Nacht erfolgen könnten. Oft klang es so, als würden sie ihre Vorurteile bestätigt sehen, den klassischen rassistischen Mythos, wonach Araber nicht in einer Demokratie leben könnten und ohnehin bei Autokraten besser aufgehoben seien. Junge Menschen aus arabischen Ländern, das waren für viele im Westen schon lange entweder fanatische Ideologen oder hilfsbedürftige Opfer, nicht aber selbstständig denkende Menschen, die ihre Zukunft gestalten wollen. 

Revolutionäre als Staatsfeinde

Die arabischen Autokraten bedienten diesen Mythos ganz gezielt. Sie verkauften den Aufstieg des IS oder das Chaos in Syrien als direkte Folgen der Revolutionen, brandmarkten die Revolutionäre als Terroristen oder Staatsfeinde, weil sie um ihre Macht bangten – und dabei mit ihren Unterdrückungsapparaten und wechselnden Allianzen mit dschihadistischen Gruppen die Region destabilisierten. Der Westen aber glaubte ihnen, er hält außenpolitisch bis heute zu einigen dieser Diktatoren, um vermeintliche Stabilität zu wahren – mit fatalen Folgen für die Zivilgesellschaft.

Viele der einstigen Revolutionäre aus Ägypten oder Syrien sitzen in Haft, viele wurden gefoltert und werden noch verfolgt, selbst im Exil. Doch ihre Hoffnung haben sie noch – und die aktuellen Ereignisse scheinen ihnen recht zu geben. Seit Monaten protestieren Menschen immer wieder friedlich für ihre Rechte: Die Algerier rebellierten in den Städten und auf dem Land erst gegen eine erneute Amtszeit ihres schwerkranken Präsidenten, nun fordern sie einen Umbau des ganzen Machtapparats. Ähnlich ist es im Sudan, auch wenn das Land teils vor anderen und noch größeren Problemen steht: Fast 30 Jahre lang hat Omar al-Baschir das Land rücksichtslos regiert, seine Misswirtschaft und die von ihm angetriebenen Bürgerkriege haben den Sudan an den Rand des Kollapses gebracht. Aber auch in Jordanien gibt es dieser Tage Proteste, in Tunesien und Marokko, selbst in Syrien. Die Menschen prangern ihre korrupten Eliten an, die Brutalität der Sicherheitskräfte, die mangelnden Zukunftschancen.

Das, was viele Menschen 2011 auf die Straße trieb, ist heute noch virulent: Vor allem die Jungen, gut Ausgebildeten wollen ihre Regierungen kritisieren dürfen, ohne dafür verhaftet zu werden. Sie wollen in Cafés sitzen und über Politik diskutieren, ohne fürchten zu müssen, dass die Person am Nebentisch sie an den Geheimdienst verrät. Sie wollen frei wählen und ihren Institutionen vertrauen können – so wie die Menschen im Westen das selbstverständlich tun.

Die Proteste in Sudan und Algerien sind wichtig, weil sie in beiden Ländern die jahrzehntelange politische Erstarrung beenden und die Chance auf Gestaltung der Zukunft bergen. Aber auch, weil sie vielen anderen zeigen: Die Hoffnung ist noch da.