Vermutlich wird dann die EU wieder verlängern und dann wieder und dann wieder. Aber mit jeder Verlängerung bröckelt die Einheit der EU. Das ist schon bei der jetzigen Verlängerung sichtbar geworden. Es gab Debatten zwischen Frankreich, das eine harte Linie gegen Großbritannien vertrat, und Deutschland, das eine weichere wollte und auch durchsetzte. Es haben sich Risse aufgetan, die sich vertiefen dürften.

Man sollte sich schon mal mit der Schreckensvorstellung auseinandersetzen, dass es im Brüsseler Rat bald so zugehen könnte wie heute in London – chaotisch und wirr bis zur Selbstblockade. An den Tischen des Rates sitzen jetzt schon Leute, die für die EU mindestens so gefährlich sind wie Boris Johnson: Viktor Orbán zum Beispiel, der Italiener Matteo Salvini spielt schon kräftig mit. Nicht nur in Großbritannien, auch in der EU wimmelt es von Pyromanen.

Ende Mai werden die EU-Bürger ein neues Parlament wählen. Seit Monaten wird ihnen gesagt, dass diese Wahl einen existenziellen Charakter habe und sie deshalb in Scharen an die Wahlurne gehen sollten. Es läge an ihnen, ob die Union eine Zukunft hat oder nicht! Und jetzt wird es wirklich kompliziert: Die EU-Bürger werden ein Parlament wählen, in dem britische Parlamentarier sitzen werden, die nur auf Zeit dort sein sollen und in dieser Zeit eh nichts zu sagen haben sollen, wobei das nicht ganz stimmt, denn allein ihre Anzahl wird einen Einfluss darauf haben, wen das Parlament als Spitzenkandidaten für die EU-Kommission aufstellt.

Wem jetzt schwindlig wird oder wer das Gefühl hat, dass er nicht mehr durchblickt, der sollte die Schuld nicht bei sich suchen. Die Lage ist tatsächlich verwirrend und chaotisch. Vor allem: Sie schwächt das Parlament, das die Herzkammer der Demokratie sein sollte.

Winkelzüge und Taktiererei

Das alles ist von genau jenen EU-Verantwortlichen herbeigeführt worden, die seit Jahren sagen, die EU müsse näher an den Bürgern sein, transparenter werden und ihre Entscheidungen so treffen, dass sie für alle nachvollziehbar sind. Wer einigermaßen verstehen will, warum man den Brexit verlängert hat, welche Überlegungen dabei eine Rolle spielen, welche Folgen das haben kann – der muss schon ein politikwissenschaftliches Seminar besuchen.

Das aber kann man von einem Wähler nicht erwarten. Dafür hat er keine Zeit, verständlicherweise. Er wird den Kopf schütteln angesichts so vieler Winkelzüge und Taktiererei, angesichts so viel Kauderwelschs. "Eurokraten!" Das wird das Wort sein, das dem Bürger noch über die Lippen kommt, bevor er sich abwendet. In diesem Fall ist es ein berechtigter Vorwurf.

Die EU hat sich bis zum 10. April in Sachen Brexit gut geschlagen, doch dann ist sie Opfer ihrer Selbstgewissheit geworden. Man kann sie ihre alten Glaubenssätze murmeln hören: Wir sind so gut, wir sind so vernünftig, wir sind die Antwort auf die Vergangenheit, auf die Gegenwart und auf die Zukunft. Es gibt nur ein paar wenige, die das noch nicht eingesehen haben. Aber das wird noch. Ist nur eine Frage der Zeit.

Jetzt müssen die Briten dafür sorgen, dass es so kommt. Ausgerechnet die Briten.