Die britische Premierministerin Theresa May hat der EU in einem Brief eine Verlängerung der Brexit-Frist bis zum 30. Juni vorgeschlagen. Sollte das britische Parlament vor Ablauf dieser Frist dem Austrittsvertrag zustimmen, könne der Brexit entsprechend früher erfolgen, schrieb May an EU-Ratspräsident Donald Tusk. Großbritannien werde zugleich die Vorbereitungen für die Teilnahme an der Europawahl treffen, hieß es in dem Schreiben.

Die Staats- und Regierungschefs der verbleibenden 27 EU-Mitglieder müssen einem Brexit-Aufschub einstimmig zustimmen. Sie treffen sich am 10. April zu einem Sondergipfel. EU-Ratspräsident Tusk hatte am Freitagmorgen bereits eine flexible Verlängerung von bis zu zwölf Monaten vorgeschlagen. Großbritannien solle demnach jederzeit aus der EU austreten können, sobald ein Austrittsabkommen ratifiziert ist.

Nach derzeitigem Stand muss Großbritannien die EU um Mitternacht am 12. April verlassen. Nachdem der mit der EU ausgehandelte Austrittsvertrag im britischen Unterhaus dreimal scheiterte, versuchen in Großbritannien Opposition und Regierung weiter einen Kompromiss zu finden, um einen sogenannten harten Brexit ohne Austrittsabkommen zu vermeiden. In den Verhandlungen der beiden Parteien zeichnet sich jedoch noch keine Lösung ab.

Dem britischen Guardian zufolge will May Labour-Chef Jeremy Corbyn am Freitag ein schriftliches Angebot zukommen lassen. Zudem plane die Regierung eine Abstimmung über Alternativen zum Brexit-Abkommen in der kommenden Woche. Laut der Zeitung soll dabei auch ein zweites Referendum als Option zur Wahl stehen. May hatte eine erneute Abstimmung in Aussicht gestellt, sollten die Gespräche mit Corbyn scheitern. Labour strebt eine weitaus engere Bindung an die EU nach dem Brexit an als bisher von der Regierung geplant.

Britischer Außenminister gegen längeren Aufschub

Die britische Premierministerin hatte bislang eine Verlängerung der Austrittsfrist über die Europawahl hinaus ausgeschlossen. Vor allem die Hardliner in ihrer Partei sind dagegen, den Brexit weiter hinauszuzögern. May wollte deshalb ursprünglich nur einen Aufschub bis zum 22. Mai beantragen. Die Bedingung der EU dafür war aber, dass Großbritannien das Austrittsabkommen ratifiziert.

Der Brexit-Hardliner Jacob Rees-Mogg kündigte an, Großbritannien werde bei einem längeren Verbleib in der EU "so unbequem wie möglich sein". So könne das Land etwa einen größeren Haushalt oder Pläne für eine gemeinsame EU-Armee blockieren, schrieb Rees-Mogg auf Twitter.

Der britische Außenminister Jeremy Hunt sprach sich gegen einen längeren Brexit-Aufschub aus. Weder die EU noch Großbritannien dürften daran Interesse haben, sagt er. Auch habe man in Großbritannien keine Absicht, an den Europawahlen teilzunehmen. Auf der Suche nach einer Brexit-Lösung werde die Regierung aber "jeden Stein umdrehen".

Irischer Premier offen für langfristige Verschiebung

Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande, teilte mit, der Vorstoß Mays werfe viele Fragen auf. Dieser reiche nicht, um einem weiteren Aufschub zuzustimmen. Er hoffe, dass die Briten noch vor dem Gipfel am Mittwoch mehr Klarheit schafften.

Irlands Ministerpräsident Leo Varadkar zeigte sich offen für eine längerfristige Verschiebung des Brexit-Termins. Das mache womöglich mehr Sinn als ständige kürzere Fristverlängerungen, die nur zu mehr Unsicherheit führten, sagt er dem irischen Rundfunk. Auch Italiens Vizeregierungschef Luigi Di Maio plädierte dafür, auf Großbritannien zuzugehen.