Auf den Fernsehbildern sah man einen zerzausten, panisch dreinblickenden Julian Assange, der von einem Großaufgebot der britischen Polizei aus der ecuadorischen Botschaft in London gezerrt wurde. Nicht im Bild war, wer eigentlich dahinter die Fäden zog: US-Präsident Donald Trump und sein außenpolitisches Hardlinerteam.

Die spektakuläre Festnahme vom Donnerstag verrät eine Menge über den gewachsenen Einfluss Washingtons auf dem südamerikanischen Kontinent. Viel hat sich verändert, seit das 17-Millionen-Einwohner-Land Ecuador knapp sieben Jahre lang den mächtigen USA trotzte und dem Gründer der Geheimnisverratplattform WikiLeaks in seinen beengten Londoner Botschaftsräumen Asyl gewährte.

Das Problem bei Berichten über Julian Assange ist immer, dass sich eine Fülle von Verschwörungstheorien um ihn ranken, die der Hacker und Politaktivist nach Kräften mit befeuert. Zu den schlichtesten Wahrheiten dieser Geschichte gehört zunächst, dass Ecuador seinen Dauergast in der Botschaft schon deshalb irgendwann auf die Straße setzen musste, weil sein Verbleib an praktische Grenzen stieß: Nach Aussagen von Assanges Verwandten, Freunden und Besuchern ergab sich zuletzt ein Bild, nach dem er durch die jahrelange Isolation schweren gesundheitlichen und psychologischen Schaden genommen hat, und dass seine Gastgeber sich zunehmend von ihm überfordert sahen. 

"Der größte Verräter"

Doch natürlich sind das nicht die einzigen und nicht die spannendsten Fragen rings um diese Festnahme. Als Assange 2012 Asyl von dem kleinen Ecuador erhielt, war Südamerika ein anderer Kontinent. Machthaber war damals Rafael Correa, ein gelernter Wirtschaftswissenschaftler und streitbarer Linker, der in dem Land an der Pazifikküste einen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ausrufen wollte. Da war er sich einig mit Hugo Chávez, dem gewählten Präsidenten und selbst ernannten Revolutionsführer von Venezuela.

Correa, Chávez, der Bolivianer Evo Morales, das argentinische Präsidentenehepaar Kirchner und die Herrscher über einige Klein- und Inselstaaten der Region machten Lateinamerika damals zum linken Kontinent, zu einem Experimentierfeld einer großzügigeren Sozialpolitik. Sie wurde in diesen Ländern mit einer innenpolitisch eher harten Hand gegenüber den früheren Eliten durchgesetzt und mit freundschaftlichen, vergünstigten Öllieferungen aus dem damals noch reichen Opec-Staat Venezuela subventioniert.

Der Plan war, dass der Kontinent zu einer alternativen Macht zu den USA heranwachsen sollte, zu seiner neoliberalen Wirtschaftsordnung und militärischen und geheimdienstlichen Macht. Correa gehörte stets zu den besonders lautstarken Kritikern der USA. Als eine erste Amtshandlung schloss er 2007 eine Militärbasis der Amerikaner in seinem Land. Als ihn 2012 Julian Assanges Hilfeersuchen ereilte, freute er sich, denn indem er einem Staatsfeind der USA Asyl gewährte, konnte er es dem bösen Imperium mal richtig zeigen.

Entsprechend groß ist jetzt der Frust, gerade auch bei Correa. "Der größte Verräter in der ecuadorianischen und lateinamerikanischen Geschichte hat der britischen Polizei erlaubt, unsere Botschaft zu betreten und Assange festzunehmen", twitterte der frühere Präsident (2007–2017) am Donnerstag und nannte das "ein Verbrechen, das die Menschheit nie vergessen wird". Der größte Verräter: Das ist Correas Amtsnachfolger, ein 66-jähriger Politiker namens Lenín Moreno.