Der Brexit hat Großbritannien zur internationalen Lachnummer gemacht. Über die Debatten und Abstimmungen im britischen Parlament feixt die Welt. Mit seinen rau gebellten "The noes have it, the noes have it!" avancierte Parlamentssprecher John Bercow zum unwahrscheinlichen Helden einer Comedy-Soap in einer der ältesten Demokratien der Welt. Britische Abgeordnete gelten im Ausland als Witzfiguren, wie etwa der im 18. Jahrhundert steckengebliebene Tory Jacob Rees-Mogg oder der Ex-Brexit-Minister Dominic Raab, der erst im Amt entdeckte, welche Bedeutung die Grenze Dover-Calais für die Handelsbeziehungen seines Landes hat.

Und dieses Theater wird uns noch einige Zeit erhalten bleiben. Denn auf dem EU-Gipfel am heutigen Mittwoch wird der Brexit wahrscheinlich erneut verschoben, weil die Briten immer noch nicht wissen, wie sie die EU verlassen wollen. Im schlimmsten Fall muss Großbritannien an den Europawahlen im Mai teilnehmen.

Trotzdem gibt es noch immer großartige Politiker im britischen Unterhaus. Es wurden kluge Reden vor den ergebnislosen Abstimmungen gehalten. Das Elend, das der versuchte Brexit zum Vorschein gebracht hat, ist grundsätzlicher als die oft lächerliche Inkompetenz oder Charakterlosigkeit einzelner politischer Karrieristen. Das Brexit-Desaster der vergangenen drei Jahre hat offengelegt, dass die britische Verfassung nicht mehr funktioniert.

London wird als arrogant wahrgenommen

Im Parlament geht nichts mehr. Die Premierministerin kann weder ihr Kabinett noch ihre Partei dazu disziplinieren, dem von ihr befürworteten EU-Austrittsvertrag zuzustimmen. Die rebellischen Abgeordneten können sich ihrerseits auf keine Alternative einigen. Die großen Parteien sind gespalten. Ein Dutzend Abgeordnete haben ihre Partei verlassen und schicken sich an, eine neue Partei zu gründen. Kabinettsmitglieder stimmen gegen die Regierung. Das war einst ein zwingender Grund, zurückzutreten. Einige Minister treten auch zurück, bevor sie gegen ihre Regierung stimmen, andere jedoch nicht. Eine Mehrheit für irgendeinen Entschluss kommt so oder so nicht zustande.

Warum aber scheinen alle Instrumente der politischen Willensbildung im Königreich nicht mehr zu funktionieren? Die Antwort lautet: Weil die Grundsätze, auf denen Großbritanniens ungeschriebene Verfassung beruht, nicht mehr gelten. Vor allem drei Bausteine dieser Verfassung müssen dringend erneuert werden: das Wahlsystem, die Parteien und schließlich die regionale Verfassung des uneinigen Königreichs, die die Übermacht von London ausgleichen sollte. Denn die Hauptstadt wird im übrigen Land oft als fern und arrogant wahrgenommen.