Eher zweitrangig ist die in regelmäßigen Abständen gestellte Frage, ob Großbritannien eine geschriebene Verfassung braucht anstelle der ungeschriebenen, die sich aus Traditionen, Gepflogenheiten und einigen Gesetzestexten zusammensetzt. Ein starkes Argument für eine ungeschriebene Verfassung ist deren Flexibilität. Viele Briten hängen mit patriotischem Eifer daran. Wichtiger ist, dass die Brücken zwischen Bevölkerung und Mächtigen, zwischen Regierten und Regierenden repariert werden.

Die Demokratie-Denkfabrik Hansard Society veröffentlichte Anfang der Woche dazu eine alarmierende Umfrage: Nahezu drei Viertel der gut 2.000 befragten Briten sagen, dass ihr Regierungssystem dringend der Überholung bedürfe. Die Hälfte glaubt zudem, dass den etablierten Parteien Leute wie sie egal seien, und mehr als die Hälfte wünscht sich einen starken Führer, der auch bereit ist, Regeln zu brechen. 47 Prozent der Befragten fühlen sich komplett macht- und einflusslos gegenüber politischen Entscheidungen – mehr als je zuvor in den 16 Jahren, in denen die Hansard Society jährlich die demokratische Temperatur des Landes misst.

Wo also hakt es? Drei Bausteine, die geändert werden sollten:

1. Das Wahlsystem: Es folgt nicht mehr dem politischen Willen der Bevölkerung. Im britischen Mehrheitswahlrecht gewinnt, wer in einem Wahlkreis die meisten Stimmen bekommt. Alle anderen Stimmen zählen nicht. Das funktionierte, solange britische Abgeordnete der Tradition folgten, sich explizit als Vertreter aller Menschen ihres Wahlkreises zu verstehen, nicht nur ihrer Parteianhänger und Wähler. Am Wahlabend, so war es Tradition, stand die Siegerin auf und erklärte, sich allen Bürgern und Bürgerinnen im Wahlkreis verpflichtet zu fühlen. Diese enge Bindung zwischen Abgeordneten und Bürgern verband das Parlament in London mit dem Land. Das ist vorbei. Abgeordnete verfolgen zunehmend enge Parteiinteressen. Im Brexit-Streit haben sich die gewählten Parlamentarier der beiden großen Parteien in verfeindete Untergruppen gespalten, Ideologie triumphiert über Volksvertretung.

Radikale Minderheiten haben doch eine Chance

2. Das Parteiensystem: Es ist der Stolz verfassungspatriotischer Briten. Dank des Mehrheitswahlrechts geben zwei starke demokratische Parteien im Parlament den Ton an. Radikale Minderheitsparteien, wie sie in vielen kontinentaleuropäischen Parlamenten sitzen, haben angeblich keine Chance. Doch das stimmt mittlerweile nicht mehr. Die Radikalen haben einen festen Platz sowohl in der Konservativen Partei als auch bei Labour gefunden. Beide großen Parteien sind de facto Koalitionen zwischen Moderaten und Radikalen. Anders jedoch als in echten Koalitionen haben die Wähler keinerlei Mitspracherecht über die Machtverteilung dieser Flügel. Der Konsens wird hinter geschlossenen Parteitüren ausgekungelt. Auf diese Weise hat etwa die radikal-euroskeptische Minderheitsgruppierung, die European Research Group, innerhalb der Tories einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die gemäßigte Mehrheit der Partei.

3. Mehr Einfluss für vergessene Regionen: Schottland, Wales und Nordirland haben in den Neunzigerjahren ihre eigenen Regionalparlamente zugebilligt bekommen. England jedoch, die vierte, größte und mächtigste der Nationen im britischen Königreich, hat keine eigene Stimme. Das ist vor allem bitter für Nordostengland, Nordwestengland oder für Cornwall – Regionen, deren Bedürfnisse und Probleme im fernen, unendlich reicheren London oft nicht verstanden werden. Großbritannien ist überzentralisiert. Die von London vergessenen Regionen haben im Protest für den Brexit gestimmt. Doch die Verarmung, die Großbritannien mit dem Austritt aus der EU droht, wird ausgerechnet den vernachlässigten Norden Englands besonders hart treffen.

Das demokratische Desaster, zu dem sich der Brexit für Großbritannien entwickelt hat, könnte eine Chance sein. Die knirschende, rostende Politikmaschine des Landes braucht eine Generalüberholung. Das Brexit-Trauma sollte zum demokratischen Aufbruch Großbritanniens werden.