Politologen werten Macrons Strategie als Angebot an die konservativen Wählerinnen und Wähler. "Wir werden eine Beschleunigung und Verfestigung der bisherigen Amtsführung sehen," sagt Jérôme Sainte-Marie, Chef des Meinungsforschungsinstituts Pollingvox in Paris. Eine Wende könne er nicht erkennen.

Macrons Gegner werden damit kaum zu überzeugen sein. In den vergangenen 30 Jahren sind die Anhänger der Trickle-down-Theorie den Beweis schuldig geblieben, dass diese tatsächlich funktioniert. In Frankreich, wo die Gleichheit der Bürger Staatsräson ist, an die jedes Schuldkind erinnert wird, das morgens durch ein Tor mit dem Schriftzug "Liberté, Égalité, Fraternité" tritt, steht der Wohlstand Einzelner unter besonderem Verdacht: Er kann in den Augen vieler nur unrechtmäßig und zu Lasten Ärmerer erworben worden sein.

Neben der Entlastung der Unternehmer gilt deshalb insbesondere die Abschaffung der Vermögenssteuer als Affront, mit dem Macron seine nun beinahe zwei ersten Amtsjahre vergiftete. Das eine Prozent der reichsten Franzosen hat durch die Abschaffung der Vermögenssteuer sechs Prozent mehr Geld zur Verfügung. Gleichzeitig kürzte der Präsident das Wohngeld für Bedürftige und hob die jetzt wieder angekündigte Indexierung der Renten an die Inflationsrate bald nach seinem Amtsantritt auf. 

Macrons Überzeugung, dass die Abschaffung der Vermögenssteuer zu mehr Investitionen in Arbeitsplätze führen werde, ist bisher nicht belegt. Zwar ist die Erwerbslosenquote im vierten Quartal 2018 erstmals seit der Finanzkrise von 2008 wieder unter neun Prozent gesunken. Allerdings bleiben in der Statistik viele Arbeitssuchende außen vor und ein Großteil der neuen Jobs ist befristet. Je nach Region ist die Arbeitslosigkeit viel höher. In La Courneuve, einer Gemeinde nördlich von Paris, beträgt sie laut einer dort kürzlich in Auftrag gegebenen Studie sogar 27 Prozent.

Plädoyer für die Leistungsgesellschaft

"Die wahren Ungerechtigkeiten sind nicht steuerlicher Natur", widersprach Macron in seiner Rede solcher Kritik. Ungleichheit entstehe vielmehr dort, wo soziale Herkunft den Lebensweg vorgebe. Deshalb seien eine gute Schulbildung und ausreichend Arbeitsplätze die beiden entscheidenden Hebel. Dafür will der Präsident sorgen, etwa mit Schulklassen, in denen höchstens 24 Kinder sitzen, und dem Ziel, bis 2025 Vollbeschäftigung zu schaffen. Dass die Marke nach dem Ende seiner Amtszeit im Mai 2022 liegt, führte gleich zu der Vermutungen, der Präsident strebe ein weiteres Mandat an.

Kritiker halten das Vorgehen jedenfalls für unzureichend. "Man muss die Unternehmen dazu animieren, sich auf dem Arbeitsmarkt gut zu verhalten, genauso wie man sie dazu anstiften muss, weniger Kohlendioxid auszustoßen", sagte der französische Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole. Er hält ein Bonus-Malus-System für die zwingende Maßnahme. "Das Problem heute ist folgendes: Wenn die Unternehmen einen Mitarbeiter entlassen oder befristete Arbeitsplätze schaffen, zahlen sie kaum oder gar nichts in die Arbeitslosenkassen ein."

Davon war in Macrons Plädoyer für die Leistungsgesellschaft nicht die Rede. Nur vage und auf Nachfrage erinnerte er die Wohlhabenden daran, dass "jeder seiner Verantwortung gerecht werden muss und diejenigen an der Spitze als allererste. Sie müssen den anderen die Möglichkeit zum Erfolg geben." Das, räumte der Präsident ein, sei in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen. Eine Entschuldigung, die viele Franzosen wohl nicht akzeptieren werden.