Zum Auftakt seiner viertägigen Lateinamerika-Reise hat Bundesaußenminister Heiko Maas in Brasilien vor wachsendem Populismus und Nationalismus gewarnt. "Wir erleben derzeit gefährliche Rückschritte", sagte er in der Küstenmetropole Salvador da Bahia. "Populismus und Nationalismus sind weltweit auf dem Vormarsch. Und über Jahrzehnte erkämpfte Errungenschaften werden heute nicht mehr nur diskutiert, sondern sie werden teilweise sogar infrage gestellt."

In Brasilien ist seit Jahresbeginn der Rechtspopulist Jair Bolsonaro Präsident, der ähnlich wie US-Amtskollege Donald Trump internationale Verträge und Institutionen infrage stellt. Maas trifft Bolsonaro am Dienstag in der Hauptstadt Brasília – als erster Regierungsvertreter eines EU-Landes. Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu waren bisher die prominentesten Gäste bei dem neuen Staatschef. Dass Maas zunächst in Salvador da Bahia Station machte, um ein Netzwerk für Frauenrechte zu gründen, gilt als ungewöhnlich und als Zeichen für die Stärkung der Zivilgesellschaft in Brasilien.

Ein Drittel aller Tötungsdelikte weltweit wird in Lateinamerika verübt, bei nur acht Prozent der Weltbevölkerung. An der Auftaktveranstaltung für das Netzwerk Unidas ("Vereint") nahm auch die Schauspielerin Sibel Kekilli teil, die zusammen mit Maas aus Deutschland anreiste. Das Netzwerk soll Initiativen für Frauenrechte in Lateinamerika und Deutschland zusammenbringen. Der Außenminister will auch auf den weiteren Stationen seiner Lateinamerika-Reise, in Kolumbien und Mexiko, dafür werben.

Maas will mit seiner Reise nationalistischen Tendenzen eine "Allianz der Multilateralisten" entgegensetzen. "Wir werden kämpfen müssen, um den Fortschritt am Leben zu halten – in Deutschland, in Lateinamerika und weltweit. Und für diesen Kampf brauchen wir Verbündete", sagte der SPD-Politiker. Maas hofft dabei etwa auf Argentinien, Mexiko oder Kolumbien. "Wir wollen auf der Weltbühne zusammen für Demokratie, Menschenrechte und faire Regeln einstehen."

"Rollback von Populisten und Autoritären aufhalten"

Die Tour soll Teil einer diplomatischen Offensive sein, um die lange vernachlässigten Beziehungen zu dieser Region neu zu beleben. "Lateinamerika ist zu lange aus unserem Blick geraten", hatte Maas bei seiner Abreise gesagt. Mit vielen Staaten des Kontinents teile Deutschland ein wichtiges Fundament gemeinsamer Werte: "Wenn wir einen Rollback von Populisten und Autoritären aufhalten wollen, brauchen wir mehr Verbündete."

Bei seinen Gesprächen will Maas auch eine große Lateinamerika-Konferenz in Berlin vorbereiten, zu der er am 28. Mai Außenminister aus bis zu 30 Ländern in Berlin erwartet. Ziel ist es, die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Lateinamerika wieder zu stärken.

Lange Zeit lag der Schwerpunkt der deutschen Außenpolitik neben den traditionellen Partnern in Nordamerika eher auf Asien mit seinem explodierenden Wirtschaftswachstum, aber auch auf dem armen Nachbarkontinent Afrika mit einer wachsenden Flüchtlingsbewegung nach Europa. Künftig soll das Augenmerk nun verstärkt auch auf Lateinamerika gerichtet werden

Gegengewicht zu Chinas Seidenstraßen-Projekt

Ein Grund dafür ist China. Die führende asiatische Wirtschaftsmacht hat das abnehmende Interesse der USA an Lateinamerika und das stagnierende Engagement der Europäer in den vergangenen Jahrzehnten genutzt, um sich auf dem Kontinent immer breiter zu machen. Chinesische Unternehmen und Kreditinstitute wie die China Development Bank und die Export-Import Bank of China gehören zu den wichtigsten Financiers großer Infrastruktur- und Energieprojekte in der Region. Laut Forschungsinstitut Interamerican Dialogue haben die beiden Banken seit 2005 Kredite in Höhe von über 140 Milliarden Dollar in Lateinamerika und der Karibik vergeben. Hinzu kommen Direktinvestitionen.

Seit 2002 hat China an mindestens 150 Großprojekten in der Region Interesse bekundet, bei etwa der Hälfte haben die Bauarbeiten bereits begonnen. Neun Länder aus Lateinamerika und der Karibik haben sich der chinesischen Infrastruktur-Initiative Neue Seidenstraße angeschlossen, darunter Ecuador und Chile. Bei dem großen Seidenstraßen-Gipfel in Peking in der vergangenen Woche unterzeichnete auch Peru eine Absichtserklärung zur Teilnahme an dem milliardenschweren Projekt, Argentinien äußerte Interesse.

Maas will jetzt mit seiner Offensive gegensteuern. "Mit 61 Staaten stellen die EU und die Länder Lateinamerikas und der Karibik fast ein Drittel der Mitgliedsländer der Vereinten Nationen", schrieb er in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel, der auch in 15 lateinamerikanischen Zeitungen erscheint. "Wir sind über eine Milliarde Frauen und Männer und erwirtschaften 40 Prozent des Bruttosozialprodukts der Welt. Es ist an der Zeit, diese Kraft gemeinsam zu nutzen." Im Bereich der Wirtschaft lege Deutschland anders als China Wert darauf, dass bei Wirtschaftsprojekten Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden.