Nach dem Vormarsch libyscher Truppen auf die Hauptstadt Tripolis haben sich UN-Generalsekretär António Guterres und der Weltsicherheitsrat um eine Entschärfung der Lage in dem Krisenland bemüht. Guterres traf am Freitag in der ostlibyschen Stadt Bengasi General Chalifa Haftar, der mit seinen Truppen Tripolis einnehmen will. Auch der Sicherheitsrat sagte, er sei "zutiefst besorgt". Nach einer Dringlichkeitssitzung hinter verschlossenen Türen in New York rief das Gremium Haftar dazu auf, alle Truppenbewegungen zu stoppen.

Der deutsche UN-Botschafter Christoph Heusgen, der dem Sicherheitsrat derzeit als Präsident vorsitzt, verlas vor Journalisten eine entsprechende Mitteilung des Rates. Der Rat wolle alle zur Rechenschaft ziehen, die für neue Eskalationen in Libyen verantwortlich sind, sagte er. "Es kann in diesem Konflikt keine militärische Lösung geben." Zuvor hatte der zuständige UN-Sonderbeauftragte Ghassan Salamé den Sicherheitsrat über die aktuelle Situation in dem nordafrikanischen Staat informiert.

UN-Generalsekretär Guterres schrieb auf Twitter, er verlasse Libyen "schweren Herzens und tief besorgt". Auch er forderte eine politische Lösung und schrieb weiter: "Ich hoffe immer noch, dass es möglich ist, eine blutige Konfrontation in und um Tripolis zu verhindern."

Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) drängte am Rande von G7-Beratungen im westfranzösischen Dinard darauf, eine weitere militärische Eskalation zu verhindern: "Es gilt jetzt alle einzubeziehen, die dabei helfen können, diese Eskalation zu vermeiden."

Frankreich, Italien, Großbritannien, die Vereinigten Arabischen Emirate und die USA teilten mit, sie seien "sehr besorgt" über die Entwicklung. In einer gemeinsamen Mitteilung riefen sie alle Konfliktparteien dazu auf, Spannungen abzubauen, um politische Vermittlungen der UN zu ermöglichen. Auch die EU rief alle Parteien zur sofortigen Deeskalation auf und dazu, alle Provokation einzustellen. EU-Kommissionssprecherin Maja Kocijančič warnte vor dem Risiko einer "unkontrollierbaren Konfrontation" und sagte, die EU-Außenminister würden am Montag in Luxemburg über Libyen sprechen.

Gefechte zwischen westlibyschen Milizen und Haftar-Soldaten

Unterdessen lieferten sich westlibysche Milizen am Freitag Gefechte mit Haftars vorrückenden Truppen. Ein Sprecher von Haftars selbst ernannter Libyscher Nationalarmee (LNA), Ahmed al-Musmari, sagte, dass die Truppen bereits die Kontrolle über den internationalen Flughafen von Tripolis am südlichen Stadtrand übernommen hätten. 

Haftar hatte seinen Soldaten am Donnerstag den Vormarsch auf die Hauptstadt befohlen, wo die international anerkannte Regierung von Fajis al-Sarradsch sitzt. Diese ringt mit General Haftar um die Macht. In einer Ansprache kündigte Haftar die "Befreiung" der Hauptstadt an. Al-Sarradsch wiederum ordnete eine Generalmobilmachung seiner Anhänger an.

Kurz darauf verbreiteten Haftar-feindliche Aktivisten Bilder im Internet, auf denen ihren Angaben zufolge Sawija-Milizionäre Haftar-Kämpfer und gepanzerte Fahrzeuge in ihre Gewalt bringen. Al-Mesmari sagte, mehr als 100 Soldaten Haftars seien gefangen genommen worden, ihr Kommandant werde verhört. Misrata-Milizen hätten zudem einen Luftangriff auf Stellungen von Haftars Verbänden am Fuß der Nafusa-Berge geflogen, sagte Al-Mesmari. Über Opfer sagte er nichts Näheres.

In Libyen herrscht seit dem mit westlicher Hilfe erzwungenen Sturz des Langzeitherrschers Muammar al-Gaddafi 2011 Chaos. General Haftar beherrscht den Osten des nordafrikanischen Landes, islamistische Gruppen den Westen. Haftar konnte seine Macht in den letzten Monaten ausbauen; unter anderem beherrschen seine Truppen zwei der größten Ölfelder Libyens. Er wird unterstützt von Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten. Wie die Sarradsch-Regierung stützt sich Haftars selbst ernannte Libysche Nationalarmee (LNA) auf ein Bündnis mit zahlreichen lokalen Milizen.

Tripolis steht unter der Kontrolle einer schwachen Regierung, die von den Vereinten Nationen und einigen Milizen unterstützt wird. Die UN hatten für den 14. bis 16. April eigentlich Friedensgespräche der Konfliktparteien geplant.