Libyen - Ostlibysche Rebellen stoßen Richtung Tripolis vor Durch das Vorrücken der Aufständischen der Nationalen Libyschen Armee (LNA) auf die Hauptstadt spitzt sich die Lage in dem Bürgerkriegsland wieder zu. Die Regierung will ihre Streitkräfte in Bereitschaft versetzen. © Foto: Reuters TV/Reuters

Ein Vormarsch von Truppen des abtrünnigen libyschen Generals Chalifa Haftar auf die Hauptstadt Tripolis hat Sorgen vor einer Gewalteskalation geschürt. Der UN-Sicherheitsrat in New York wird sich am Freitag auf Antrag Großbritanniens mit der Lage in dem nordafrikanischen Krisenstaat befassen, wie Diplomaten sagten. Einheiten Haftars standen am Donnerstagabend weniger als 30 Kilometer vor Tripolis, wo die international anerkannte Einheitsregierung ihren Sitz hat.

Einheiten der sogenannten Libyschen Nationalen Armee (LNA) bezogen am Donnerstagabend an einer Straßensperre 27 Kilometer von Tripolis entfernt Stellung, wie ein AFP-Journalist vor Ort berichtete. LNA-General Abdessalem al-Hassi sagte, der Kontrollposten sei ohne Gefechte eingenommen worden. Vor Ort befanden sich dem Journalisten zufolge mindestens 15 Pick-ups mit Luftabwehrgeschützen und Dutzende Männer in Militäruniformen. Die Kämpfer wollen nach eigenem Bekunden weitere Gebiete im Norden und Westen erobern, darunter auch Tripolis. "So Gott will, werden wir ohne Kämpfe auch in den Rest der Städte hineinkommen", sagte Al-Hassi.

Haftar ist der starke Mann im Osten Libyens und unterstützt mit seinen Truppen eine dort angesiedelte Gegenregierung zu der von Fajis al-Sarradsch geführten Einheitsregierung. Am Donnerstag befahl der General seinen Truppen, in Richtung der im Westen des Landes gelegenen Hauptstadt Tripolis vorzurücken.

Zivilisten und Ausländer sollen verschont bleiben

Er versprach, Zivilisten, die "Institutionen des Staates" und Ausländer würden verschont. "Wer auch immer die weiße Flagge hisst, ist sicher", sagte er. Haftar rief seine Soldaten auf, friedlich in Tripolis einzumarschieren und ihre Waffen nur gegen diejenigen zu erheben, "die Ungerechtigkeit suchen und Konfrontation und Kampf bevorzugen". Bereits am Mittwochabend hatte die LNA angekündigt, sich auf eine Offensive im Westen des Landes vorzubereiten, um die Region von "Terroristen und Söldnern" zu säubern. 

Die Regierung in Tripolis kündigte an, ihre Streitkräfte in Bereitschaft zu versetzen. Die LNA hatte zuletzt auch Gebiete im Süden des Landes eingenommen. Experten bezweifeln allerdings, dass ihre Kräfte für einen Großangriff reichen.

Derweil kündigte die Tripolis Protection Force, ein Bündnis von Milizen der Hauptstadt, auf Facebook einen Einsatz an, um das Vorrücken der Libyschen Nationalen Armee zu stoppen. Auch Milizen aus der Hafenstadt Misrata wollen sich den Haftar-Einheiten entgegenstellen.

UN-Sicherheitsrat tritt zusammen

Die Ankündigung löste international Besorgnis aus. Der UN-Sicherheitsrat in New York wird am Freitag hinter verschlossenen Türen zusammenkommen. UN-Generalsekretär António Guterres, der sich derzeit in Libyen aufhält, rief bei einer Pressekonferenz in Tripolis zu einem Ende aller Truppenbewegungen und zur Deeskalation auf. "Es gibt in Libyen keine militärische Lösung. Die Lösung muss politisch sein."

Ohne Deeskalation könne die für Mitte April geplante Friedenskonferenz zwischen den Konfliktparteien unter UN-Vermittlung nicht stattfinden, sagte Guterres. Eigentlich soll Ende des Jahres zudem ein neuer Versuch für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen starten. Der libysche Analyst Emad Badi sagte, mit dem Vormarsch seiner Truppen wolle Haftar womöglich seine Verhandlungsposition stärken.

Auch Frankreich, Italien, Großbritannien, die Vereinigten Arabischen Emirate und die USA teilten mit, sie seien "sehr besorgt" über die Kämpfe bei Gharjan. In einer gemeinsamen Mitteilung riefen sie alle Konfliktparteien dazu auf, Spannungen abzubauen, um politische Vermittlungen der Vereinten Nationen zu ermöglichen.

Seit dem Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht in dem nordafrikanischen Land Chaos. Die Regierung in Tripolis ist schwach und hat weite Teile des Landes nicht unter Kontrolle. Der international anerkannte Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch regiert von Tripolis aus, während Milizenchef Chalifa Haftar mit seiner LNA den Osten des Landes und inzwischen Teile des Südens kontrolliert. Haftar wird von Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt. Er gilt als Bollwerk gegen Islamisten. Beide Männer hatten sich im vergangenen Monat in Abu Dhabi zu Verhandlungen getroffen.

Von Libyen aus versuchen viele Flüchtlinge, nach Europa zu kommen. Die EU bildet die libysche Küstenwache aus, um die Fluchtbewegungen zu unterbinden. Sie entschied kürzlich, ihren Marineeinsatz vor der Küste zu beenden. Libyen hat sich zu einem Kampfplatz für lokale Milizen, kriminelle Banden und regionale Machthaber entwickelt. Staatliche Institutionen sind kollabiert, Politiker, Clans und Kriminelle bekämpfen sich gegenseitig.