Eingesperrt, geschunden und in den Krieg getrieben

Der Krieg würde kommen, damit hatten die Gefangenen schon vor mehr als zwei Wochen gerechnet. Da holten die Wärter in einem Lager in Tripolis die Männer, die am kräftigsten aussahen, plötzlich aus der dunklen, überfüllten Halle – und zwangen sie, Panzerwagen zu waschen. Als sie fertig waren, mussten sie Kisten mit Gewehrkugeln schleppen. Neben dem Gebäude, in dem sie normalerweise ausharren, fiel den Häftlingen dabei auf, dass dort neuerdings Sprengkörper aufbewahrt wurden. "Ich fürchte mich, denn in diesem Lager (sind) zu viele Soldaten und Waffen", sagte einer der Gefangenen, der ZEIT ONLINE von den Ereignissen berichtete.

Einige Tage später, am 4. April, befahl der Mann, der den Osten Libyens kontrolliert, seiner selbst ernannten Libyschen Nationalarmee (LNA), auf die Hauptstadt vorzurücken. Bewaffnete Gruppen, die die international anerkannte Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch unterstützen, haben es zwar bisher geschafft, die Truppen Haftars im Süden der Stadt zurückzuhalten, doch die heftigen Kämpfe um Tripolis gehen weiter. Bei den Gefechten wurden bislang mehr als 180 Menschen getötet und mehr als 800 verletzt. Mehr als 18.000 Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben, viele weitere sind auf der Flucht.

Die Tausenden von Flüchtlingen und Migranten, die in Gefangenenlagern in der Umgebung von Tripolis eingesperrt sind, erfahren dadurch neues Leid. Laut dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR sind mehr als 1.500 Gefangene in Gegenden untergebracht, in denen derzeit gekämpft wird. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters warfen die Streitkräfte von Haftar der UN-gestützten Einheitsregierung in Tripolis vor, Migranten als menschliche Schutzschilder und Kämpfer einzusetzen. Nähere Angaben machten sie nicht. "Nach dem Ende der Kämpfe werden wir dies der Welt zeigen", sagte deren Sprecher Ahmad Mesmari in Bengasi.

"Wenn jemand versucht zu fliehen, erschießen sie dich"

Gefangene, die in drei verschiedenen Lagern in der Nähe von Tripolis festgehalten werden, haben sich per Text- und Sprachnachrichten bei ZEIT ONLINE gemeldet, einige können manchmal auch heimlich anrufen. Sie sagen, dass sie seit Beginn der Kämpfe gezwungen gewesen seien, Kämpfern zu assistieren, unter anderem mussten sie Waffen laden. Ihnen zufolge wurden einige der Gefangenen von militanten Kämpfern weggebracht, vermutlich zu Militärstützpunkten. Darunter soll auch ein 14-jähriger Junge aus dem sudanesischen Darfur gewesen sein. 

Ein Mann aus einem der Lager schickte per Handy auch Bilder von sich selbst. Was er auf den Fotos trägt, sieht aus wie eine alte Militäruniform. Die Wächter hätten ihn gezwungen, sie anzuziehen. "Wenn jemand versucht zu fliehen, erschießen sie dich", sagt er. Ein anderer Mann berichtet: Als er sich geweigert habe, das Lager zu verlassen, sei er heftig geschlagen worden, bis er blutete.

ZEIT ONLINE ist seit acht Monaten mit Flüchtlingen und Migranten in Libyen in Kontakt. Sie benutzen Mobiltelefone, die sie vor den Gefängniswärtern verstecken. Damit kommunizieren sie mit der Außenwelt und sind so auch mit Menschen in Kontakt, die für sie ihre Simkarten aufladen können. Sie haben ihre GPS-Koordinaten sowie Fotos und Videos geschickt, damit sich ihr Aufenthaltsort und ihre Identität bestätigen lassen. Ihre Berichte stimmen überein, auch bei jenen, die sich untereinander nicht kennen. Zudem wurden viele Details ihrer Aussagen von internationalen Organisationen bestätigt, die in Libyen arbeiten. Sie alle haben darum gebeten, nicht namentlich genannt zu werden, weil sie Vergeltungsmaßnahmen fürchten.

Das wären Kriegsverbrechen

Sollten die Berichte stimmen, dann könne diese Behandlung inhaftierter Migranten durch Milizen, die der Einheitsregierung in Tripolis nahestehen, Kriegsverbrechen darstellen, sagt Judith Sunderland, stellvertretende Direktorin von Human Rights Watch in der Abteilung Europa und Zentralasien. "Zivilisten zu zwingen, in einem Kriegsgebiet Waffen zu horten, gilt als missbräuchliche Zwangsarbeit, ist unrechtmäßig grausam und setzt sie einem unnötigen Risiko aus", sagt sie. Dass die Menschen gezwungen würden, Uniformen zu tragen, deute darauf hin, dass sie als Geiseln oder menschliche Schutzschilde eingesetzt würden, was Kriegsverbrechen darstellt. "Statt festgenommene Migranten zu diesen gefährlichen Tätigkeiten zu zwingen, sollten alle Seiten alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um zivile Opfer zu vermeiden. Die Behörden sollten alle willkürlich inhaftierten Migranten freilassen und für ihre Sicherheit sorgen", sagt Sunderland.

Gegenwärtig sollen sich rund 6.000 Migranten und Flüchtlinge in Gefangenenlagern in Libyen befinden. Diese Lager stehen eigentlich unter der Kontrolle des Direktorats zur Bekämpfung illegaler Migration (DCIM), das dem libyschen Innenministerium untersteht. Tatsächlich werden viele der Lager von Milizen betrieben, die der Einheitsregierung in Tripolis nahestehen. Das DCIM hat mehrfache Anfragen von ZEIT ONLINE unbeantwortet gelassen.

Viele der Menschen, die nun von den Wärtern gezwungen werden, den Kämpfern zu assistieren, haben vorher bereits versucht, über das Mittelmeer aus Libyen zu fliehen, einige davon auch mehrfach. Sie gehören zu den Zehntausenden Männern, Frauen und Kindern, deren Boote von der libyschen Küstenwache abgefangen wurden – jener Küstenwache, die die EU mit Milliardenbeträgen aufbaut, damit sie mehr Bootsflüchtlinge als bislang von der Überfahrt nach Europa abhält und nach Nordafrika zurückbringt.

Schläge, wenn sie bei der Arbeit müde werden

Per E-Mail teilt ein Sprecher der EU-Kommission mit: "Wir sind uns der sehr schwierigen Bedingungen der Migranten in der gegenwärtigen Konfliktsituation bewusst. Wir arbeiten eng mit den Vereinten Nationen zusammen, um zumindest die Evakuierung der Gefangenenlager an der Front zu ermöglichen. Über diese unmittelbare Herausforderung hinaus glauben wir weiterhin, dass das derzeitige System der Inhaftierungen ein für alle Mal überwunden werden sollte. Um das zu beenden, werden wir weiterhin mit UNHCR, IOM (der Internationalen Organisation für Migration), der Afrikanischen Union und den libyschen Behörden zusammenarbeiten."

Auch Human Rights Watch und die Vereinten Nationen haben die Zwangsarbeit in libyschen Haftanstalten dokumentiert. Laut einem Bericht des UN-Menschenrechtsbüros vom Dezember 2018 hätten Ermittler in sechs Haftzentren zwischen 2017 und 2018 Berichte über die Zwangsarbeit vermerkt. 

Viele der gegenwärtigen und ehemaligen Gefangenen haben ZEIT ONLINE erzählt, dass sie gezwungen worden seien, Häuser zu bauen, auf Bauernhöfen oder als Putzhilfen zu arbeiten. Die Aufträge seien von Libyern gekommen, die mit den Wärtern in ihren Gefängnissen in Kontakt stünden. Einige der Gefangenen sehen diese Arbeiten als willkommene Pause von der Monotonie, die sie in der Haft erleben, andere hingegen sagen, sie seien dadurch noch mehr Gewalt ausgesetzt, als sie ohnehin schon in den Lagern erlebten. Sie berichten etwa davon, dass sie geschlagen würden, wenn sie bei der Arbeit müde und dadurch langsamer würden, und dass Frauen zum Sex gezwungen würden.

"Ich denke, da draußen passiert gerade etwas"

Die Gefahr, dass den Gefangenen noch mehr Gewalt widerfährt, erhöht sich immer dann, wenn Kämpfe ausbrechen. Seit dem vergangenen August hat es dreimal große Gefechte in Tripolis gegeben. Jedes Mal haben die Menschen in den Gefangenenlagern berichtet, dass sie zu Kriegsdiensten verpflichtet wurden.

Im vergangenen September wurde eine Gruppe von Männern aus dem Sudan in einem Raum auf dem Flughafen in Mitiga eingesperrt. Sie erhielten ihr Essen durch ein Fenster und wurden nur nach draußen gelassen, wenn sie Fahrzeuge, die die Kämpfer von verfeindeten Milizen erbeutet hatten, waschen oder neu lackieren sollten. So berichten es zwei Männer, die mit ihnen befreundet waren. Als der Flughafen wenig später attackiert wurde, seien einige der Gefangenen weggelaufen, und seither habe niemand mehr von ihnen gehört. Die Männer vermuten, dass die Sudanesen nicht mehr am Leben sind. 

Einige der Menschen, die jetzt in der Haftanstalt Tagiura im Süden von Tripolis festsitzen, sagen, sie wollen sich widersetzen, falls die Wärter versuchen sollten, noch mehr Gefangene für den Krieg einzuziehen – auch wenn sie fürchten, dass ihnen das nicht gelingen wird. "Die Situation ist katastrophal", sagt ein Mann. "Glauben Sie mir ... Wir haben große Angst vor dem, was uns passieren kann."

Jede Nacht überkommt die Menschen in den Gefangenenlagern große Furcht. "Heute Nacht patrouillieren die Soldaten, sie feuern Kugeln ab", sagte ein anderer Gefangener vor wenigen Tagen. "Ich denke, da draußen passiert gerade etwas. Ich fürchte, dass sie diese Nacht einige von uns dazu zwingen werden, Waffen zu laden. Wir haben wirklich Angst."

Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Backhaus.