Per E-Mail teilt ein Sprecher der EU-Kommission mit: "Wir sind uns der sehr schwierigen Bedingungen der Migranten in der gegenwärtigen Konfliktsituation bewusst. Wir arbeiten eng mit den Vereinten Nationen zusammen, um zumindest die Evakuierung der Gefangenenlager an der Front zu ermöglichen. Über diese unmittelbare Herausforderung hinaus glauben wir weiterhin, dass das derzeitige System der Inhaftierungen ein für alle Mal überwunden werden sollte. Um das zu beenden, werden wir weiterhin mit UNHCR, IOM (der Internationalen Organisation für Migration), der Afrikanischen Union und den libyschen Behörden zusammenarbeiten."

Auch Human Rights Watch und die Vereinten Nationen haben die Zwangsarbeit in libyschen Haftanstalten dokumentiert. Laut einem Bericht des UN-Menschenrechtsbüros vom Dezember 2018 hätten Ermittler in sechs Haftzentren zwischen 2017 und 2018 Berichte über die Zwangsarbeit vermerkt. 

Viele der gegenwärtigen und ehemaligen Gefangenen haben ZEIT ONLINE erzählt, dass sie gezwungen worden seien, Häuser zu bauen, auf Bauernhöfen oder als Putzhilfen zu arbeiten. Die Aufträge seien von Libyern gekommen, die mit den Wärtern in ihren Gefängnissen in Kontakt stünden. Einige der Gefangenen sehen diese Arbeiten als willkommene Pause von der Monotonie, die sie in der Haft erleben, andere hingegen sagen, sie seien dadurch noch mehr Gewalt ausgesetzt, als sie ohnehin schon in den Lagern erlebten. Sie berichten etwa davon, dass sie geschlagen würden, wenn sie bei der Arbeit müde und dadurch langsamer würden, und dass Frauen zum Sex gezwungen würden.

"Ich denke, da draußen passiert gerade etwas"

Die Gefahr, dass den Gefangenen noch mehr Gewalt widerfährt, erhöht sich immer dann, wenn Kämpfe ausbrechen. Seit dem vergangenen August hat es dreimal große Gefechte in Tripolis gegeben. Jedes Mal haben die Menschen in den Gefangenenlagern berichtet, dass sie zu Kriegsdiensten verpflichtet wurden.

Im vergangenen September wurde eine Gruppe von Männern aus dem Sudan in einem Raum auf dem Flughafen in Mitiga eingesperrt. Sie erhielten ihr Essen durch ein Fenster und wurden nur nach draußen gelassen, wenn sie Fahrzeuge, die die Kämpfer von verfeindeten Milizen erbeutet hatten, waschen oder neu lackieren sollten. So berichten es zwei Männer, die mit ihnen befreundet waren. Als der Flughafen wenig später attackiert wurde, seien einige der Gefangenen weggelaufen, und seither habe niemand mehr von ihnen gehört. Die Männer vermuten, dass die Sudanesen nicht mehr am Leben sind. 

Einige der Menschen, die jetzt in der Haftanstalt Tagiura im Süden von Tripolis festsitzen, sagen, sie wollen sich widersetzen, falls die Wärter versuchen sollten, noch mehr Gefangene für den Krieg einzuziehen – auch wenn sie fürchten, dass ihnen das nicht gelingen wird. "Die Situation ist katastrophal", sagt ein Mann. "Glauben Sie mir ... Wir haben große Angst vor dem, was uns passieren kann."

Jede Nacht überkommt die Menschen in den Gefangenenlagern große Furcht. "Heute Nacht patrouillieren die Soldaten, sie feuern Kugeln ab", sagte ein anderer Gefangener vor wenigen Tagen. "Ich denke, da draußen passiert gerade etwas. Ich fürchte, dass sie diese Nacht einige von uns dazu zwingen werden, Waffen zu laden. Wir haben wirklich Angst."

Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Backhaus.