Ein Jahr nach dem Arabischen Frühling 2011 in Kairo war der französische Islamwissenschaftler Gillel Kepel nahe den Pyramiden auf eine Hochzeit eingeladen. Die opulente Gästeschar stammte samt und sonders aus den Kreisen der "Felul", der alten Mubarak-Elite. Zu seiner Verblüffung fand der Besucher aus Paris die Festgemeinde in bester Stimmung vor. In einem Jahr haben wir die Macht zurück, prosteten sich die ehemaligen Regimekader zu.

Anders als das breite Volk wussten die Felul bereits, dass das Verfassungsgericht in Kürze das Post-Mubarak-Parlament auflösen und damit die erste und einzige demokratische Wahl Ägyptens in den Mülleimer der Geschichte treten würde. Ein Jahr später, im Juli 2013, setzte Armeechef Abdel Fattah al-Sissi dann mit seinem Putsch allen demokratischen Hoffnungen am Nil ein jähes Ende. Im Mai will er sich nun per Verfassungsänderung als Präsident auf Lebenszeit installieren lassen, genauer gesagt bis zu seinem 80. Geburtstag.

Dem Sissi-hörigen Hurra-Parlament jedoch scheinen dieser Tage erste Zweifel zu kommen. Denn Sudan und Algerien, das könnte auch in Ägypten wieder Schule machen. Beide Autokraten, Omar al-Bashir und Abdelaziz Bouteflika, mussten kurz hintereinander dem friedlichen Druck ihrer Völker weichen und verlängern nun die Riege der nach 2011 gestürzten arabischen Langzeit-Diktatoren. In beiden Nationen war es am Ende das Militär, das sich gegenüber den angezählten Potentaten als Vollstrecker des Volkswillens inszenierte. Ihre frustrierten Landsleute hingegen ließ das völlig unbeeindruckt – deren Proteste gehen unvermindert weiter.

Die alten Verhältnisse sind schnell zurück

Denn 2019 ist nicht mehr 2011. Beide Seiten, Regime und Volk, haben dazugelernt. Die Regime wissen seit Syrien, Libyen und Jemen: Wer sich dem überkochenden Volkszorn mit Waffengewalt entgegenstellt, legt am Ende seine ganze Nation in Schutt und Asche. Und die Bevölkerung weiß: Wenn man nur den Chefdespoten davonjagt und den übrigen Apparat aus Generälen und Wirtschaftsbossen unangetastet lässt, sind die alten Verhältnisse schnell wieder zurück. Im Fall von Ägypten geschah dies härter und brutaler als je zuvor.

"Entweder wir siegen oder wir werden wie Ägypten", skandieren die Demonstranten in Khartum, die am Wochenende auch den neuen Junta-Chef und den alten Geheimdienst-Chef davonjagten.

Noch 2011 jubelten die Ägypter auf dem Tahrir-Platz erleichtert den Panzern zu und riefen "Das Volk und die Armee sind Hand in Hand". Heute in Algerien und im Sudan dagegen wissen die Menschen, dass nicht nur die korrupten Regimeeliten für die Staatsmisere verantwortlich sind, sondern auch das Militär und der Geheimdienstapparat. Sie alle gemeinsam haben ihren Nationen diese vertrackten Probleme eingebrockt, die die Völker auf die Barrikaden treiben.