Ein Soldat der US-Eliteinheit Navy Seals muss sich Medienberichten zufolge wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen vor einem US-Militärgericht verantworten. Special Operations Chief Edward Gallagher soll 2017 als Anführer des Teams Alpha Platoon im Irak immer wieder wehrlose Zivilisten erschossen haben – darunter eine Schülerin in einem Hidschab, die spazieren ging, und ein alter Mann, der Wasser holen wollte. Die Beweislast scheint erdrückend, wie die New York Times und das Fachmagazin Navy Times berichteten. Sie zitieren aus einem vertraulichen Untersuchungsbericht der US-Marine. Gallagher weist den Angaben nach alle Vorwürfe zurück.

Die Seals gelten als beste Militäreinheit der Vereinigten Staaten, Gallagher selbst zählte lange zu den besten Kämpfern. Er bildete andere Soldaten aus, ist selbst Sanitäter, war Scharfschütze und Bombenexperte. Der Spitzname des 39-Jährigen lautete dem New-York-Times-Bericht zufolge Blade – Klinge. Zugleich soll Gallagher bereits 2015 den Ruf eines sogenannten Piraten innegehabt haben – ein eigenwilliger Kopf, dem die Jagd auf Terroristen wichtiger war als Regeln oder der nächste Karriereschritt.

In Mossul, das der Soldat von Februar 2017 an mit seinem Team von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) befreien sollte, hielt er sich dem Bericht zufolge an keine Regel. Aufgabe der Platoons war es eigentlich, irakische Truppen anzuweisen und sie, wenn nötig, mit Scharfschützen und Drohnen zu unterstützen. Ihr Chef war den Angaben nach aber darauf aus, Gebäude nach IS-Kämpfern zu durchsuchen und das Feuer zu eröffnen – scheinbar wahllos.

Verwundeten Teenager erstochen

Aus Verstecken heraus soll er drei- bis viermal so viele Schüsse mit seinem Gewehr abgegeben haben wie andere Scharfschützen. Von einer Brücke aus feuerte der 39-Jährige den Angaben nach mit einem schweren Maschinengewehr ohne erkennbaren Grund auf benachbarte Wohngegenden bis das Magazin leer war. Vor Kameraden soll er mehrfach damit geprahlt haben, wie viele Menschen er schon getötet habe – einschließlich Frauen.

Im Mai 2017 hätten irakische Soldaten einen am Bein verletzten IS-Kämpfer versorgen wollen. Der etwa 15-Jährige war nach Angaben von Seal-Sanitätern nicht lebensgefährlich verletzt. Zeugen berichteten der New York Times zufolge, dass Gallagher dem Teenager schließlich wortlos mehrfach ein Messer in Nacken und Bauch gestochen haben soll. Der Junge starb.

Auf Trumps Geheiß in bessere U-Haft-Unterkunft verlegt

Dass die Taten ans Licht kamen, geht dem Bericht nach auf andere Navy Seals zurück. Im Irak hätten sie zunächst mit dem für ihre Einheit zuständigen Leutnant gesprochen, ohne Folgen. Zurück in den USA forderten Soldaten den Angaben nach eine Untersuchung der Vorgänge. Der zuständige Kommandeur und ein weiterer Offizier hätten den Männern jedoch geraten, die Dinge auf sich beruhen zu lassen. Beide waren langjährige Kameraden Gallaghers. Der Beschuldigte erfuhr den Angaben nach im Frühjahr 2018 von den Vorwürfen seiner Teammitglieder. Er soll daraufhin versucht haben, andere Seal-Kämpfer gegen die Männer aufzubringen und Zeugen einzuschüchtern.

In den USA halten viele Menschen Gallagher trotz der Vorwürfe für einen Kriegshelden, der unschuldig ist. Seine Frau Andrea und sein Bruder Sean erklärten mehrfach – unter anderem im Sender Fox News –, dass die Anschuldigungen von verärgerten Untergebenen erfunden worden seien. 40 republikanische Mitglieder des Kongresses unterzeichneten im März ein Schreiben, in dem sie sich für den Soldaten starkmachten. 

US-Präsident Donald Trump schrieb Ende März auf Twitter, die Haftbedingungen Gallaghers würden sich bald verbessern – "in Anerkennung seiner früheren Verdienste für unser Land". Der New York Times zufolge wurde Gallagher kurz darauf aus dem Gefängnis entlassen und in das Navy-Krankenhaus in San Diego verlegt.