Aber auch ohne die Fixierung auf ein impeachment ist der zu erwartende parlamentarische Streit über die Ermittlungen wichtig. Barr hat sich mit seinen Einschätzungen zu den Ermittlungen und seinem Umgang mit der Veröffentlichung zumindest dem Verdacht ausgesetzt, nicht vollständig neutral zu sein. Er hat schon vor seiner Ernennung die Auffassung vertreten, der Präsident könne sich qua Amt gar nicht der Justizbehinderung schuldig machen. US-Medien hatten außerdem berichtet, dass Ermittler aus Muellers Team die Ergebnisse ihrer Arbeit durch den Brief des Justizministers nicht angemessen wiedergegeben sehen. Hinzu kommt, dass die Fassung des Mueller-Berichts, die nun veröffentlicht wird, nicht ungefiltert ist: Barr hat Schwärzungen angekündigt, wo etwa Quellen und Methoden oder fortlaufende Verfahren und Ermittlungen betroffen sind, wo Personen erwähnt sind, die nur am Rande eine Rolle spielen.

Wie umfangreich diese Schwärzungen sein werden, ist nicht abzusehen. Sie müssen auch nicht bedeuten, dass damit der Rest des Dokuments harmlos wird, schon gar nicht, dass Barr tatsächlich Sachverhalte verschleiert hat, die Trump schaden könnten. Aber es ist völlig legitim, wenn zumindest die relevanten Kongressausschüsse die Ermittlungen umfassend nachvollziehen wollen. Sie wollen nicht nur Zugriff auf eine ungeschwärzte Version erhalten, sondern fordern auch die zugrundeliegende Beweisdokumentation – andeutungsweise sogar parteiübergreifend. Für die Demokraten ist entscheidend: Barr ist im Grunde Trumps Mann, Teil der Regierung, gegen die ja hier ermittelt wurde. Aber auch die Republikaner dürften ein Interesse daran haben, dass irgendwann alle Details vorliegen, um der Feststellung Glaubwürdigkeit zu verleihen: Da war nichts, und da kommt auch nichts mehr.

Na und? Ist halt Trump

Dass der Mueller-Bericht längst nicht das Ende aller Vorwürfe gegen Trump ist, lässt sich aber schon jetzt sagen. Die Demokraten treiben ihre eigenen Untersuchungen im Repräsentantenhaus unnachgiebig voran. Eine ganze Reihe von Staatsanwaltschaften verfolgt eine Vielzahl von Ermittlungssträngen, die teils auf Muellers Erkenntnissen beruhen, teils unabhängig davon angestoßen wurden. Alles, was nicht den eng gefassten Vorwurf der Verschwörung mit Russland bei den Manipulationsversuchen im Wahlkampf betrifft, wird noch zu klären sein: Trumps Geschäftsinteressen in Moskau etwa, die nicht am Kreml vorbei zu realisieren gewesen wären und über die er die amerikanische Öffentlichkeit belogen hat; Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit Trumps Amtseinführung, überhaupt die Verquickung von politischen und wirtschaftlichen Interessen des Präsidenten.

Die Verdachtsmomente gegen Trump bleiben also vielfältig, aber längst besteht die Gefahr, dass sich für ihre Aufklärung niemand mehr so recht interessiert. Das trifft im Besonderen auf die Mueller-Ermittlungen zu: Wenn dabei nichts Justiziables gefunden wurde, wer macht sich dann noch die Mühe, die komplexen Einzelheiten zu verstehen? Sehr viele Amerikaner, durchaus. Aber wo es sich nur um Moral und Anstand dreht, sind die Sympathien in der polarisierten Gesellschaft der USA ohnehin klar verteilt. Trumps erklärte Gegner werden sich durch jede neue Kleinigkeit in ihrer Haltung bestärkt sehen. Viele andere werden weiterhin jede Verfehlung dieses Präsidenten mit einem Schulterzucken hinnehmen: "Na und? Ist halt Trump." Der übliche Wahnsinn. Es sei denn, der Bericht liefert doch noch einen Skandal, der leicht zu verstehen und nicht zu entschuldigen ist. Wenn nicht vor Gericht, könnte das zumindest am Wahltag eine Rolle spielen. Alles andere ist nur ein Streit um die Details: wichtig, aber womöglich folgenlos.