"Verräter", "Lügner", "Egozentriker", "Dilettant", "Katastrophe". Diese wenig schmeichelhaften Worte benutzte Pablo Casado, der Chef der spanischen Konservativen, in einer Pressekonferenz im Februar, als er auf Pedro Sánchez angesprochen wurde, seinen sozialistischen Konkurrenten und aktuellen Regierungschef. Doch auch die andere Seite des politischen Spektrums kann austeilen:  "Ihre Rede ist geeigneter für einen Faschisten als für einen Demokraten", sagte vor einem Jahr der Führer der linken Partei Podemos, Pablo Iglesias, zu Albert Rivera, Chef der liberalen Partei Ciudadanos. Dieser hatte Iglesias im Parlament mal als "Arschloch" bezeichnet.

Die politische Stimmung in Spanien ist schon länger aufgeheizt. Links gegen rechts, Befürworter der Einheit Spaniens gegen katalanische Separatisten, Krisengewinner gegen -verlierer, Feministinnen gegen Machos. Was ist passiert? Verstehe ich mein Land noch?

2011 verließ ich meine Heimatstadt Granada im Süden Spaniens und ging nach Berlin. Wie so viele junge Spanier war ich neugierig auf die Kultur und die Menschen in der deutschen Metropole. 2011 war auch das Jahr, in dem sich in meiner Heimat die Wirtschafts- und Finanzkrise deutlich verschärfte. Der konservative Regierungschef Mariano Rajoy, ein Vertrauter Angela Merkels, gewann die Parlamentswahl und verordnete Spanien eine harte Sparkur.

Die Wirtschaftskrise hat viele Spanier hart getroffen. Zwischenzeitlich war jeder zweite unter 25-Jährige arbeitslos. Die spanischen Nachrichten zeigten täglich Bilder von Zwangsräumungen von Menschen, die die Hypothek für ihre gekauften Wohnungen nicht mehr zahlen konnten. Bedingt durch den ökonomischen und politischen Frust wurde die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien stark. Fast die Hälfte der Katalanen träumte von einem neuen, gerechteren Land.

Die Rechtspopulisten wollen das alte Spanien "zurückerobern"

2017 führte die Regionalregierung ein illegales Unabhängigkeitsreferendum durch und rief kurzzeitig die Republik Katalonien und damit die Abspaltung von Spanien aus. Die dafür verantwortlichen Politiker sitzen heute in Untersuchungshaft. Wenn ich mit katalanischen Freunden spreche, spüre ich, wie tief die Gesellschaft der Region rund um Barcelona gespalten ist und dass von dem politischen Konflikt fast keine Freundschaft, keine Familie unberührt geblieben ist.

Immer wenn ich in den vergangenen Jahren nach Spanien gefahren bin, waren die Wirtschaftskrise und Katalonien die Hauptgesprächsthemen. Und so überrascht es mich wenig, dass aus diesen beiden Themen zwei neue Parteien entstanden sind.

Juan F. Álvarez Moreno lebt seit 2011 in Berlin und kommt ursprünglich aus der spanischen Stadt Granada. Seit 2018 arbeitet er bei ZEIT ONLINE. © privat

Die Linkspartei Podemos repräsentierte den Frust der Krisenverlierer und die liberale Bürgerpartei Ciudadanos entstand in Katalonien als pro-spanisches Gegengewicht zu den Separatisten.  2014 führte Podemos in den Umfragen, vor genau einem Jahr war Ciudadanos der Sieger der Sonntagsfragen. Fast alle meine Bekannten und Freunde wollten eine dieser Parteien wählen. Doch inzwischen hat sich der Erfolg von Podemos und Ciudadanos schon wieder abgenutzt. Die Gründer von Podemos haben sich über die Frage zerstritten, wie viel Revolution sie wollen. Und Ciudadanos leidet darunter, dass eine andere Partei verspricht, eine noch härtere Haltung zu Katalonien einzunehmen.

In den vergangenen acht Jahren hat sich viel verändert: An diesem Sonntag findet in Spanien die dritte Parlamentswahl in vier Jahren statt. Während Spaniens Politik früher durch die zwei mächtigen Blöcke der Sozialisten und Konservativen bestimmt wurde, sind die Mehrheitsverhältnisse nun deutlich komplizierter, weswegen es auch immer wieder zu Neuwahlen kommt. Bei der Wahl am Sonntag werden mindestens fünf Parteien über zehn Prozent der Stimmen bekommen. Darunter und zum ersten Mal nach dem Tod des Diktators Francisco Franco eine extrem rechte Partei, Vox. Deren Kandidat Santiago Abascal hat nichts weniger als den "Anfang der Reconquista" verkündet. Damit verglich er den Wahlkampf mit der "Rückeroberung" Spaniens, einem acht Jahrhunderte langen Krieg der Christen gegen die Muslime im Land, der 1492 ausgerechnet in Granada endete.