Fordert Vox die "Deportation" aller illegalen Einwanderer oder straffällig gewordener Ausländer, so will die PP kurz darauf minderjährige Einwanderer "zurück zu ihren Familien schicken". Vox polemisiert gegen "Gender-Ideologie" und "Femi-Nazis", der junge Chef der Volkspartei Casado spricht im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt beschönigend von Männern, "die sich nicht gut gegenüber Frauen verhalten". Vox-Chef Abascal schwärmt von traditionellen spanischen Werten wie Jagd und Stierkampf und stellt Toreros und Generäle auf seine Liste? Flugs schickt auch Casado zwei Stiefkämpfer für die PP in den Wahlkampf. Vox-Chef Abascal kündigte zudem an, das Waffenrecht liberalisieren zu wollen – damit die Spanier sich besser selbst verteidigen können.

Besonders erbittert streiten beide Parteien sich darum, wer gegenüber der immer noch nach Unabhängigkeit strebenden katalanischen Regionalregierung die größte Härte zeigt. Die PP droht mit einer dauerhaften Zwangsverwaltung der abtrünnigen Region rund um Barcelona. Vox will das System der 17 autonomen Regionen, einen der Grundpfeiler der spanischen Verfassung, gleich ganz abschaffen und Spanien zu einem straffen Zentralstaat umbauen.

Mit ihrer harten Haltung in der Katalonienkrise zielen die Ultrarechten auch auf Anhänger der Partei Ciudadanos. Die liberale Partei, die 2006 in Barcelona als pro-spanische Antwort auf Autonomie- und Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region gegründet wurde, stellt im katalanischen Regionalparlament die stärkste Fraktion. Auch in ganz Spanien feierten die Befürworter der Einheit des Landes bei den letzten beiden Parlamentswahlen 2015 und 2016 Erfolge. 

Die Katalonienkrise bewegt viele Wähler

Als Vox Ende März in Barcelona vor 3.000 Anhängern den Vorwahlkampf eröffnete, waren im Publikum viele ehemalige Ciudadanos-Wähler. "Jemand muss die Separatisten ein für alle Mal stoppen. Je radikaler die Maßnahmen, desto besser", sagt Mayka Beltrán, 59 Jahre, Verkäuferin aus Barcelona und klatscht laut, als Javier Ortega Smith die Bühne betritt. Der Anwalt vertritt die rechtsextreme Partei als Nebenkläger beim Prozess gegen die Spitze der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung und fordert bis zu 74 Jahre Haft für die Hauptverantwortlichen der Proteste rund um das illegale Unabhängigkeitsreferendum im Herbst 2017.

"Ciudadanos hat bisher nur große Reden geschwungen, aber erreicht haben sie nichts": Mit dieser Meinung steht Beltrán nicht allein. Ihre angeblich zu weiche Haltung im Katalonienkonflikt könnte Ciudadanos bei den nun anstehenden Parlamentswahlen bis zu anderthalb Millionen Wähler kosten – Umfragen zufolge wollen sie nun Vox oder PP wählen. Grund genug für die Bürgerpartei, liberale Grundsätze über Bord zu werfen und auf die Rechts-außen-Position Seite an Seite mit Vox und PP zu wechseln. Einer Koalition mit den Sozialisten, die voraussichtlich stärkste Fraktion im spanischen Parlament werden, hat Ciudadanos eine Absage erteilt. Für Parteichef Albert Rivera macht Noch-Regierungschef Pedro Sánchez gemeinsame Sache mit den "Zerstörern Spaniens". 

Bisher reicht es nicht für eine Mehrheit

Anfang Februar rief Rivera gemeinsam mit Vox und PP zu einer Demonstration für die Einheit Spaniens und gegen den "Vaterlandsverräter" Sánchez auf. Inzwischen versucht Ciudadanos, sich in Fragen der gleichgeschlechtlichen Ehe und Reproduktionsmedizin von den traditionalistischen Positionen der Rechten abzugrenzen, doch das geht im Wahlkampfgetöse ebenso unter wie die jüngste Zusicherung, nur mit der PP, aber niemals mit Vox zu koalieren. 

Wie viel Macht könnte das neurechte Bündnis nach den Wahlen am 28. April haben? Laut einer letzten Umfrage reicht es nicht für eine Mehrheit im Parlament, selbst wenn PP und Ciudadanos sich mit Vox zusammentäten. 40 Prozent der spanischen Wähler sind allerdings noch unentschieden.

Sicher ist aber wohl: Vox wird erstmals ins Nationalparlament einziehen. Zum Abschluss jeder Wahlkampfveranstaltung lassen die Rechtspopulisten die spanische Nationalhymne spielen. Die Hymne hat keinen Text, manche Anhänger schwenken die Spanienfahnen zu einem lautstark intonierten "Lali, lala" und enden mit "Viva España"-Rufen. "Vox hat kein politisches Programm, sondern nur ein mythologisches", sagt Lucía Mendez. "Ihre politischen Forderungen sind nicht realisierbar, weil sie in offenem Widerspruch zur spanischen Verfassung stehen und am Grundkonsens der spanischen Gesellschaft rütteln. Was für eine Politik werden denn die Stierkämpfer und Generäle machen, wenn sie im Parlament sitzen?" Für die politische Beobachterin ist Vox ein vorübergehendes Phänomen: "Sie sind die Röteln der spanischen Politik." Den Ton im Wahlkampf bestimmen sie bisher dennoch.