Anders als zu Beginn seiner Karriere als Dauerprotestierender kann Steve Bray mittlerweile auf die Hilfe zahlreicher Freunde zählen. Am Donnerstagmittag steht er wie üblich vor den provisorischen Fernsehstudios, die beim britischen Parlament aufgebaut worden sind, und ruft: "Stop Brexit!" Seine Mitstreiterin, die den Livefeed der BBC auf ihrem Handy verfolgt, hält den Daumen hoch: "Hört man bestens." Also noch einmal: "Stop Brexit!" dröhnt Bray durch sein überdimensioniertes Megafon in Richtung der Kameras.

Als er anfing, war er noch allein. Seit bald zwei Jahren versucht der 49-jährige Bray, die Liveübertragungen aus dem Regierungsviertel mit proeuropäischen Parolen zu untermalen – und zwar an jedem einzelnen Tag, an dem das Unterhaus sitzt. Von allen Pro-EU-Protestierenden vor dem Parlament ist er der prominenteste, man nennt ihn Mister Stop Brexit.

Es beginnt zu nieseln, Bray sucht Unterschlupf unter einem Baum und steckt sich eine Zigarette an. Er trägt zerfranste EU-Handschuhe, eine britisch-europäische Flagge als Umhang, und wie immer seinen blauen Zylinder. Angefangen hatte seine Ein-Mann-Demo im Sommer 2017, erzählt er. Zunächst habe allerdings nicht die EU im Zentrum gestanden: Er regte sich auf über den Pakt zwischen der britischen Regierung und der nordirischen DUP, den sich Theresa May mit einer Zahlung von einer Milliarde Pfund sicherte; aus Protest wollte Bray eine Woche lang keine Steuern zahlen. Also ging er nach London und machte sich zum Obdachlosen, er schlief im Hyde Park, aß in Gassenküchen. "Gegen Ende jener Woche kam ich mit einer EU-Flagge zum Parlament. Ich sah mir die Stimmung an und dachte: Nach der Sommerpause komme ich zurück."

Seinen Job als Numismatiker gab Bray auf – ein paar letzte Münzen verkaufte er, um sich seinen Aufenthalt in London zu finanzieren. Bald konnte er auf die Unterstützung von Europafreunden zählen: Seit einem Jahr wohnt er in der Wohnung eines Remainers, der einige Londoner Immobilien besitzt. Über Crowdfunding hat er Geld gesammelt, das ihm den permanenten Protest ermöglicht. Zuvor zog er zeitweise in ein Apartment neben dem Haus des prominenten Brexit-Fans Jacob Rees-Mogg, gleich um die Ecke vom Parlament. Seine Aufmachung und die ständige Präsenz vor dem Parlament haben ihm einen gewissen Ruhm eingebracht. Sein Konterfei schmückt immer wieder die Titelseiten britischer und auch europäischer Zeitungen, wenn sie über den Brexit berichten.

"Anfangs stand ich hier jeden Tag von 11 bis 18 Uhr", sagt Bray. "Aber jetzt spitzt sich die Sache zu. Seit ein paar Monaten bin ich bereits um 6 Uhr hier, damit ich die Morgennachrichten nicht verpasse." Bray hat schnell gelernt, wie man sich erfolgreich in Liveübertragungen schleicht. Zu Beginn stellte er sich einfach mit einem Anti-Brexit-Plakat hinter die Moderatoren. Damit sein Poster auch von den erhöhten Plattformen der Fernsehstudios zu sehen war, befestigte er es an einem langen Stab. In einem BBC-Interview mit einer Europaexpertin lieferte sich Bray ein verkehrtes Versteckspiel mit den Kameraleuten: Sie versuchen, ihn durch den schnellen Wechsel zwischen zwei Kameras aus dem Bild zu bekommen, während er mit seinem "Stop the Brexit Mess"-Schild hinter den Gesprächspartnern hin- und hergeht und sich ins Bild drängt. Heute ist Bray vor allem mit seinem Megafon unterwegs.