Der Schauspieler Wolodymyr Selenskyj wird vorläufigen Ergebnissen zufolge neuer Präsident der Ukraine. Nachdem die Wahlkommission gut die Hälfte der abgegebenen Stimmen ausgezählt hatte, veröffentlichte sie ein Zwischenauswertung: Demnach kam der designierte neue Präsident auf rund 73 Prozent, Amtsinhaber Petro Poroschenko dagegen nur auf knapp 25 Prozent. Damit wurde die Prognose vom Sonntagabend unmittelbar nach Schließung der Wahllokale bestätigt. Die Wahlbeteiligung lag nach vorläufigen Angaben bei 62 Prozent.

Selenskyj bedankte sich bei seiner Familie, seinem Wahlkampfteam und den Wählern für die Unterstützung. "Ich werde euch niemals hinters Licht führen", sagte Selenskyj. Vor seinen jubelnden Anhängerinnen und Anhängern küsste er seine Frau auf der Bühne. Poroschenko gratulierte seinem Herausforderer zum Sieg. "So gehört es sich. So ist es in demokratischen Ländern üblich", sagte Poroschenko vor seinen Anhängern. Zugleich betonte er: "Ich werde weiter in der Politik bleiben und für die Ukraine kämpfen." Der 53-Jährige rief seinen Anhängern zu, niemals aufzugeben.

Selenskyj will nach seiner Wahl nun den Friedensplan für den umkämpften Osten des Landes wiederbeleben. "Wir werden die Verhandlungen fortsetzen und bis zum Ende gehen, damit das Feuer eingestellt wird", sagte Selenskyj nach Bekanntwerden der ersten Prognosen vor Journalisten in Kiew. Wichtigste Aufgabe sei es, seine Landsleute aus der Gefangenschaft aus Russland und der Ostukraine zu befreien.

Historische Wahl

Die Wahl ist in mehrfacher Hinsicht historisch: Mit Selenskyj käme in der Ex-Sowjetrepublik erstmals ein Staatsoberhaupt ohne jedwede Regierungserfahrung ins Amt. Es wäre auch das höchste Ergebnis, das je ein Präsident der unabhängigen Ukraine erzielt hat. Selenskyj, der damit der jüngste Präsident der ukrainischen Geschichte wäre, strebt wie Poroschenko einen EU-Beitritt an. Über einen umstrittenen Nato-Beitritt der Ukraine soll eine Volksabstimmung entscheiden.

Selenskyj und Poroschenko hatten seit dem ersten Wahlgang vor drei Wochen einen hitzigen Wahlkampf geführt. "Es ist sehr wichtig, dass bei der Wahl der Verstand Oberhand behält", sagte Poroschenko bei seiner Stimmabgabe in Kiew. "Ich verlasse mich auf die Weisheit des ukrainischen Volkes." Selenskyj konterte im Wahllokal: "Heute habe ich für einen würdigen Menschen im Amt gestimmt."

Poroschenko hatte Selenskyj immer wieder Unerfahrenheit und Populismus vorgeworfen. Selenskyj kritisierte im Gegenzug, Poroschenko habe in den fünf Jahren seiner Amtszeit den Krieg im Osten des Landes nicht beendet. Außerdem habe die Korruption unter Poroschenko zugenommen.

"Selenskyj ist eine Katze im Sack"

Zehntausende Polizeibeamte sicherten die rund 30.000 Wahllokale. Vor der Stimmabgabe von Selenskyj entblößte sich eine Aktivistin der ukrainischen Frauenrechtsgruppe Femen. Mit nacktem Oberkörper protestierte die hochschwangere Frau gegen den Favoriten und sagte: "Selenskyj ist eine Katze im Sack." Niemand wisse, in welche Richtung die Ukraine unter ihm steuere.

Der blutige Konflikt im Osten der Ukraine war eines der wichtigsten Themen im Wahlkampf. Poroschenko war vor fünf Jahren mit dem Versprechen gewählt worden, den Konflikt schnell zu beenden. Nach UN-Angaben sind bei Kämpfen zwischen Regierungssoldaten und prorussischen Separatisten rund 13.000 Menschen getötet worden. Die Gefechte halten an. Die Umsetzung des 2015 unter anderem durch deutsche und französische Vermittlung vereinbarten Minsker Friedensplans liegt auf Eis.

Der prominente russische Außenpolitiker Konstantin Kossatschow sagte nach der Hochrechnung, es sei noch zu früh, um mit dem Sieg von Selenskyj Hoffnungen zu verbinden. Aber Russland wünsche ihm, dass er ein eigenständiger Präsident eines unabhängigen Landes werden könne. Kossatschow ist Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Föderationsrat, dem Oberhaus des Parlaments in Moskau.

Russland sieht den Amtsinhaber Poroschenko als von den USA, der Nato und von Teilen der EU gesteuerten Politiker. Die Abstimmung zeige, dass die Menschen sich mit ihren innenpolitischen Problemen beschäftigen wollten, sagte Kossatschow. Poroschenkos Manöver, mit einem russischen Feind von den inneren Schwierigkeiten abzulenken, sei gescheitert. Der Präsident hatte in seinem Wahlkampf immer wieder davor gewarnt, die Ukraine könne unter die Kontrolle des russischen Präsidenten Wladimir Putin fallen.

Glückwünsche von der EU und der Nato

Die EU und die Nato bekräftigten nach Selenskyjs Wahlsieg ihren Willen zu einer guten Zusammenarbeit. EU-Ratspräsident Donald Tusk schrieb auf Twitter, die EU sei entschlossen, ihre Unterstützung für das Land fortzusetzen. Er sprach von einem "entscheidenden Tag für die Ukraine". Freie Wahlen und ein friedlicher Machtwechsel seien Zeichen für eine "starke ukrainische Demokratie".

US-Präsident Donald Trump habe Selenskyj telefonisch zu seinem Wahlsieg gratuliert und das ukrainische Volk zur friedlichen und demokratischen Wahl beglückwünscht, schrieb Kurt Volker, US-Sonderbeauftragter für die Ukraine, auf Twitter. "Wir werden die Ukraine weiter unterstützen bei ihren Anstrengungen, die territoriale Unversehrtheit herzustellen und Russlands Aggression abzuwehren."

Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg gratulierte dem Politikneuling Selenskyj zu seinem Wahlsieg. Die Ukraine sei ein "geschätzter" Partner der Nato. "Wir freuen uns darauf, unsere Kooperation fortzusetzen." Glückwünsche für Selenskyj kamen auch von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda.