Zwei Tage vor der Entscheidung über seine Zukunft steht Petro Poroschenko im größten Stadion Kiews. Mehrere Tausende sind gekommen. Sie haben sich ukrainische Flaggen umgehängt, Brotdosen mit Radieschen und Fleisch eingepackt. Lange haben sie vor dem Olympiastadion angestanden: Sie wollen ihren amtierenden Präsidenten sehen. Und sie wollen endlich auch den zwölf Jahre jüngeren Mann sehen, der in seinem Leben bislang keine politischen Erfahrungen gesammelt hat – Wolodymyr Selenskyj, bisher Komiker, Schauspieler und Fernsehproduzent und demnächst wahrscheinlich der neue Präsident der Ukraine. 

Poroschenko gegen Selenskyj, der Schokoladenfabrikant gegen den Komödianten, der noch amtierende Präsident gegen den Sieger der ersten Runde der Präsidentschaftswahl. Die Rolle des Favoriten ist in diesem Duell eindeutig vergeben: Poroschenko erhielt 16 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang, Selenskyj mit 30 Prozent fast doppelt so viele. Auch laut den Umfragen, die kurz vor der entscheidenden Stichwahl am Sonntag bekannt gegeben wurden, führt Selenskyj mit Abstand.

Der Wahlkampf verlief so überraschend, dass sich viele Ukrainer wunderten. Bis zur Silvesternacht galt noch die ehemalige Premierministerin Julija Tymoschenko als größte Favoritin. Kaum jemand hatte bis dahin mit Wolodymyr Selenskyj gerechnet. Dann verkündete der Fernsehstar seine Kandidatur fürs Präsidentenamt, fast zur gleichen Zeit, als Poroschenko seine Neujahrsansprache hielt. Und es war ernst gemeint.

Keine Pointe

Selenskyjs Team brach mit den Gepflogenheiten des Wahlkampfs. "Ze!", wie Selenskyj wegen der beiden Anfangsbuchstaben seines Namens im Ukrainischen genannt wird, ließ keine Flyer verteilen. Er stellte sich keinen kritischen Fragen von Journalisten. Er weigerte sich bis kurz vor Wahlkampfende, mit Poroschenko zu debattieren. Er tourte auch nicht durch die vielen TV-Sender des Landes. Brauchte er alles nicht. Zum Erfolg genügten ihm der beliebte TV-Kanal 1+1 des Oligarchen Ihor Kolomojskyj und das Internet. Allein auf Instagram folgen ihm 3,8 Millionen Abonnenten.

Diener des Volkes heißt die Serie, durch die Selenskyj seit zwei Jahren Teil des Alltags vieler Ukrainer ist. Als Lehrer, der im Fernsehen plötzlich Präsident wird, sogleich die Korruption in seinem Land bekämpft und unfähige Politiker entlässt, wurde er zur Berühmtheit. Und was in der fiktiven Welt des Fernsehens passierte, kann nun Wirklichkeit werden. Petro Poroschenko muss mit ansehen, wie ein politischer Nobody ihm die Show stiehlt. Poroschenko wollte nach der Revolution im Jahr 2014 sein Land europäisieren. Er startete Reformen in der Justiz, im Gesundheitswesen, in der Polizei und der Verwaltung. Doch bevor er sein Ziel erreicht, wird er nun vermutlich durch einen Komiker ersetzt. Keine Pointe. 

Das Duell im Olympiastadion ist Poroschenkos letzte Chance, die Ukrainer doch noch von sich zu überzeugen. Da wo eigentlich gegen 19 Uhr Champions-League-Spiele angepfiffen werden, läuft der Präsident in Hemd und Anzug auf Selenskyj zu. Schon zu Beginn der Debatte gestikuliert er, als gehe es um alles. Er spricht mit der Entschlossenheit eines Generals, reißt immer wieder seine Fäuste in die Luft.