Als die Wahllokale schlossen, spielte er Tischtennis. Von Fernsehkameras bedrängt, krempelte Wolodymyr Selenskyj seine Hemdsärmel hoch und begann ein Duell mit einem Journalisten, als die erste Runde der Präsidentschaftswahl zu Ende ging. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten Besucher im Wahlkampfbüro zuvor zu einem Turnier aufgerufen. Der Hauptpreis? Ein Finale gegen den Komiker und Präsidentschaftskandidaten.

Entertainment, Gags und schräge Inszenierungen: Alles hat Selenskyj in diesem Wahlkampf anders gemacht als die übrigen Präsidentschaftskandidaten. Er schüttelte keine Hände auf Wahlveranstaltungen, sondern drehte die letzten Folgen seiner Fernsehserie. Er führte keine Wahldebatten, sondern nahm auf ausgebuchten Kabarett-Abenden seine politischen Gegner aufs Korn. Und die Ukrainer wollen offensichtlich mehr von dieser Show – nicht nur auf der Bühne und den Bildschirmen, sondern in der Realität: Mit 28,61 Prozent landete Selenskyj nach ersten offiziellen Hochrechnungen bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen auf dem ersten Platz und ließ den amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko (17,16 Prozent) weit hinter sich. Die Stichwahl findet am 21. April statt.

Es ist eine unglaubliche Geschichte, wie es sie selbst in der ukrainischen Politik – in der kein Mangel an unglaublichen Geschichten herrscht – noch nicht gegeben hat. Selenskyj kennen viele Ukrainer aus seiner Rolle in der Fernsehserie Sluga Naroda (deutsch: "Diener des Volkes"), in der er über Nacht vom Geschichtslehrer zum Präsidenten gewählt wird. Am Silvesterabend gab er im Fernsehen seine Kandidatur für die Wahl bekannt – in der Realität. Seither dominiert er alle Umfragen, am Wahltag kam es tatsächlich zur Sensation  – mit einem besseren Ergebnis als prognostiziert.

Politikverdrossenheit und radikal Neues

"Das ist erst der erste Schritt zu unserem großen Triumph", jubelte Selenskyj am Wahlabend von der Bühne. "Und ich möchte allen Ukrainern danken, die heute nicht zum Scherz gewählt haben" – ein Seitenhieb gegen den Rocksänger Swjatoslaw Wakartschuk. Der hatte sich in einem Video zuletzt klar gegen die Wahl Selenskyjs ausgesprochen, indem er die Ukrainer aufrief, am Sonntag "nicht zum Scherz" zu wählen.

Es ist eine Mischung aus Politikverdrossenheit und der Lust auf das radikale Neue, die den 41-jährigen Komiker aus der südukrainischen Stadt Krywyj Rih zu seinem Erfolg geführt hat. Krise, Krieg und Korruption haben Spuren hinterlassen: Es herrscht Frust über das politische Establishment, das die Ukraine zwar nach der Maidan-Revolution näher an die EU gerückt hatte, aber zugleich im Kampf gegen die Korruption auf der Stelle trat. Unterdessen wird im Osten des Landes noch immer gekämpft. Laut einer aktuellen Umfrage finden 70 Prozent der Ukrainer, das Land entwickle sich in die falsche Richtung und hoffen auf radikale Veränderungen.

Dass die ukrainische Öffentlichkeit im Wahlkampf wenig über das Programm des politisch völlig unerfahrenen Selenskyj erfuhr, scheint ihm nicht geschadet zu haben. Vielen reichte es, dass er so radikal anders war als die 38 übrigen Kandidatinnen und Kandidaten. "In Zeiten, in denen Versprechen ständig gebrochen werden, scheint es eine gute Strategie zu sein, erst gar keine Versprechen zu machen", kommentiert der Politologe Balázs Jarábik den Wahlausgang auf Twitter. Vor den Wahlen machte in der Ukraine ein Witz die Runde, den Jarábik zitierte: "Jahrelang haben wir seriöse Kandidaten gewählt, und am Ende doch immer nur eine Schmierenkomödie bekommen. Warum sollten wir nicht für einen Komiker stimmen und sehen, was passiert?"

Ukraine - Wolodymyr Selenskyj liegt bei Präsidentenwahl vorn Der Komiker und Politikeinsteiger zieht als Favorit in die Stichwahl um das Präsidentenamt in der Ukraine ein. Dabei tritt er gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko an. © Foto: Valentyn Ogirenko/Reuters

Poroschenko als Stimme der Vernunft?

Vor allem die Erwartungen an den Präsidenten Petro Poroschenko, der vor fünf Jahren schon im ersten Wahlgang mit knapp 54 Prozent gewählt worden war, haben sich nicht erfüllt. Auch Anna, eine 34-jährige Sekretärin, und ihre Mutter Larissa, eine Lehrerin, haben damals, in den dramatischen Tagen nach der Maidan-Revolution, der Annexion der Krim und dem Kriegsausbruch im Donbass für Poroschenko gestimmt. Heute sind sie von ihm enttäuscht – und außerdem große Fans der Fernsehserie, in der Selenskyj den Präsidenten mimt. "Das ist doch wie aus dem Leben gegriffen", sagt Larissa vor einer Schule im Norden Kiews, dem Wahllokal 217. Gerade haben die beiden Frauen abgestimmt – für Selenskyj. "Wir wissen natürlich nicht so viel über sein Programm, aber was haben wir schon von den anderen Politikern zu erwarten, die das Land seit 30 Jahren führen?" sagt Larissa. "Wir hoffen natürlich, dass er auch in der Realität so einen Präsidenten abgibt wie in der Serie", sagt Anna.

Doch auch an Selenskyj scheiden sich die Geister. Von Kritikerinnen wird er als "Clown", "Marionette" oder gar "ukrainischer Trump" geschmäht. Wobei er im Wahlkampf nicht mit ausländerfeindlicher Rhetorik, dafür aber mit übergriffigen Witzen auffiel. Vor allem Poroschenko inszenierte sich im Gegensatz dazu als Stimme der Vernunft, als Garant der Stabilität, und konnte damit wohl auf den letzten Metern viele unentschiedene Wählerinnen und Wähler mobilisieren. Poroschenkos Einzug in die Stichwahl stand klar im Schatten des Sensationssieges von Selenskyj. Die Chancen des Präsidenten auf eine Wiederwahl standen zuletzt noch viel schlechter. Der Schokoladenunternehmer hatte sich im Laufe seiner Amtszeit so unbeliebt gemacht, dass sein Einzug in die Stichwahl letztlich als Erfolg gewertet werden muss. Immerhin konnte er in den letzten Wochen noch die ehemalige Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko abfangen, die im dritten Anlauf auf das Präsidentenamt scheiterte.

Poroschenko zeigte sich am Wahlabend zwar geläutert – "Ich habe die Stimme der ukrainischen Gesellschaft vernommen", sagte er und versprach: "Wir werden an unseren Fehlern arbeiten." Doch dann schoss er sich wieder auf den Oligarchen Ihor Kolomojskyj ein, der – wie es heißt – Selenskyj unterstützt. Selenskyjs Serie wurde auf dessen Privatsender 1+1 ausgestrahlt, der ihm im Wahlkampf auffallend viel Sendezeit einräumte. "Das Schicksal hat mich also in die Stichwahl mit dieser Kolomojskyj-Marionette geführt", ätzte Poroschenko gegen den mächtigen Oligarchen, mit dem er sich zuletzt überworfen hatte. "Doch wir werden Kolomoijskyj keine Chance geben."

Um Selenskyj noch bis zur Stichwahl in drei Wochen abzufangen, wird sich Poroschenko aber mehr einfallen lassen müssen. Bisher bestimmt der Komiker mit seinem ungewöhnlichen Wahlkampf die Spielregeln, die anderen Kandidaten hinken hinterher.