Vor allem die Erwartungen an den Präsidenten Petro Poroschenko, der vor fünf Jahren schon im ersten Wahlgang mit knapp 54 Prozent gewählt worden war, haben sich nicht erfüllt. Auch Anna, eine 34-jährige Sekretärin, und ihre Mutter Larissa, eine Lehrerin, haben damals, in den dramatischen Tagen nach der Maidan-Revolution, der Annexion der Krim und dem Kriegsausbruch im Donbass für Poroschenko gestimmt. Heute sind sie von ihm enttäuscht – und außerdem große Fans der Fernsehserie, in der Selenskyj den Präsidenten mimt. "Das ist doch wie aus dem Leben gegriffen", sagt Larissa vor einer Schule im Norden Kiews, dem Wahllokal 217. Gerade haben die beiden Frauen abgestimmt – für Selenskyj. "Wir wissen natürlich nicht so viel über sein Programm, aber was haben wir schon von den anderen Politikern zu erwarten, die das Land seit 30 Jahren führen?" sagt Larissa. "Wir hoffen natürlich, dass er auch in der Realität so einen Präsidenten abgibt wie in der Serie", sagt Anna.

Doch auch an Selenskyj scheiden sich die Geister. Von Kritikerinnen wird er als "Clown", "Marionette" oder gar "ukrainischer Trump" geschmäht. Wobei er im Wahlkampf nicht mit ausländerfeindlicher Rhetorik, dafür aber mit übergriffigen Witzen auffiel. Vor allem Poroschenko inszenierte sich im Gegensatz dazu als Stimme der Vernunft, als Garant der Stabilität, und konnte damit wohl auf den letzten Metern viele unentschiedene Wählerinnen und Wähler mobilisieren. Poroschenkos Einzug in die Stichwahl stand klar im Schatten des Sensationssieges von Selenskyj. Die Chancen des Präsidenten auf eine Wiederwahl standen zuletzt noch viel schlechter. Der Schokoladenunternehmer hatte sich im Laufe seiner Amtszeit so unbeliebt gemacht, dass sein Einzug in die Stichwahl letztlich als Erfolg gewertet werden muss. Immerhin konnte er in den letzten Wochen noch die ehemalige Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko abfangen, die im dritten Anlauf auf das Präsidentenamt scheiterte.

Poroschenko zeigte sich am Wahlabend zwar geläutert – "Ich habe die Stimme der ukrainischen Gesellschaft vernommen", sagte er und versprach: "Wir werden an unseren Fehlern arbeiten." Doch dann schoss er sich wieder auf den Oligarchen Ihor Kolomojskyj ein, der – wie es heißt – Selenskyj unterstützt. Selenskyjs Serie wurde auf dessen Privatsender 1+1 ausgestrahlt, der ihm im Wahlkampf auffallend viel Sendezeit einräumte. "Das Schicksal hat mich also in die Stichwahl mit dieser Kolomojskyj-Marionette geführt", ätzte Poroschenko gegen den mächtigen Oligarchen, mit dem er sich zuletzt überworfen hatte. "Doch wir werden Kolomoijskyj keine Chance geben."

Um Selenskyj noch bis zur Stichwahl in drei Wochen abzufangen, wird sich Poroschenko aber mehr einfallen lassen müssen. Bisher bestimmt der Komiker mit seinem ungewöhnlichen Wahlkampf die Spielregeln, die anderen Kandidaten hinken hinterher.