Nach Belästigungsvorwürfen mehrerer Frauen hat sich der frühere US-Vizepräsident Joe Biden erstmals öffentlich geäußert. In einem auf Twitter veröffentlichten Video sagte er, er wolle sich im persönlichen Umgang mit Frauen künftig mehr Zurückhaltung auferlegen. Zudem räumte er ein, dass seine Neigung zu körperlichen Gesten von Verbundenheit und Zuspruch bei einigen von ihnen Unbehagen ausgelöst haben. Deshalb wolle er künftig aufmerksamer und respektvoller sein mit dem persönlichen Raum von Menschen. "Das ist meine Verantwortung, und der werde ich gerecht werden."

Vergangene Woche hatten zwei Frauen dem einstigen Stellvertreter von Barack Obama vorgeworfen, sich ihnen gegenüber unangemessen verhalten zu haben. Zunächst hatte die demokratische Ex-Politikerin Lucy Flores aus Nevada in einem Beitrag für das Magazin New York geschrieben, dass sich Biden ihr vor einem gemeinsamen Auftritt 2014 von hinten genähert, ihre Schultern berührt und dann ihren Hinterkopf geküsst habe. 

Wenige Tage später hatte Amy Lappos, eine frühere Mitarbeiterin eines demokratischen Abgeordneten, berichtet, dass Biden bei einer Veranstaltung im Jahr 2009 mit beiden Händen ihr Gesicht umfasst und seine Nase an ihrer gerieben habe.

Die Washington Post zitierte am Mittwoch drei weitere Frauen, die Begegnungen mit Biden schilderten, die sie als unangemessen empfunden hatten. Eine von ihnen, Vail Kohnert-Yount, warf Biden demnach vor, im Frühling 2013 während eines Gesprächs im Weißen Haus seine Hände auf ihren Hinterkopf gelegt, seine Stirn an ihre gepresst und sie ein "hübsches Mädchen" genannt zu haben. Damals sei sie Praktikantin im Regierungssitz gewesen. 

In einer ersten Reaktion hatte Biden noch über seinen Sprecher mitteilen lassen, dass er sich an jegliches Fehlverhalten in seiner politischen Karriere nicht erinnern könne. In seiner politischen Laufbahn habe er unzählige "Handschläge, Umarmungen und andere Zeichen von Zuneigung" verteilt. Dabei habe er niemals geglaubt, dass er sich unangemessen verhalten habe. Wenn er das jedoch getan habe, wolle er die Anschuldigungen respektvoll anhören.

"Ich höre, was sie sagen"

In seiner Videobotschaft teilte Biden nun mit: "Soziale Normen haben begonnen, sich zu ändern. Sie haben eine Wende vollzogen. Die Grenzen beim Schutz der Intimsphäre haben sich verschoben. Und ich verstehe das. Ich höre, was sie sagen." Er kündigte zugleich an, mit den betroffenen Frauen "über eine Menge Themen sprechen" zu wollen.

In seiner politischen Laufbahn habe er immer versucht, eine Verbindung zu Menschen aufzubauen. "Ich denke, das ist meine Pflicht – ich schüttele Hände, ich umarme Leute", so Biden. Auf diese Weise versuche er Frauen und Männern, Jungen und Alten zu zeigen, "dass ich mich für sie interessiere und dass ich zuhöre", fügte er hinzu.

Er sei immer der Meinung gewesen, dass es beim Regieren und im Leben an sich um eine Verbindung zu Menschen gehe. Diese Aussage werteten Beobachterinnen und Beobachter als mutmaßlichen Fingerzeig auf dessen Ambitionen aufs Weiße Haus. Biden war von 2009 bis 2017 Stellvertreter des damaligen US-Präsidenten Obama. Die Vorwürfe kommen zu einer Zeit, in der er entscheiden muss, ob er bei der Präsidentschaftswahl 2020 für die Demokraten antreten will.