Da ist, im Mittelpunkt von allem, ein vogelwilder Präsident: Trump greint und lügt, vergisst, ertrinkt in Selbstmitleid. Er fordert von den eigenen Leuten, dass sie für ihn falsch aussagen, und bietet im Gegenzug nicht das kleinste bisschen Loyalität. Und dann jammert er wieder.
Und da ist ein vogelwildes Team. In jenem Team fürchten beispielsweise manche, dass Trumps Lügen bald auffallen könnten. Auf einer Pressekonferenz hat er schließlich gesagt, dass er keine geschäftlichen Interessen in Russland habe. Michael Cohen, damals sein Anwalt, erinnert den Präsidenten daran, dass er, Cohen, persönlich vom Boss beauftragt worden sei, das Projekt Trump Tower in Moskau umzusetzen. "Warum müssen wir es erwähnen, wenn es kein abgeschlossenes Geschäft ist", sagt Trump. 

Und als Michael Flynn, Nationaler Sicherheitsberater, gehen muss, weil auch er das FBI belogen hat (er hat seine Kontakte zum russischen Botschafter während des Wahlkampfes verharmlost), sagt ihm Trump: "Wir geben dir gute Zeugnisse. Du bist ein guter Kerl. Wir passen auf dich auf." Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, sagt zu Flynn: "Der Präsident schätzt dich. Ich sorge nachher dafür, dass er einen positiven Tweet über dich absetzt." Und als James Comey, damals FBI-Direktor, zur Gefahr wird, bittet Trump beim Mittagessen seinen Freund Chris Christie, jenen Comey anzurufen: "Sag ihm, er ist Teil der Mannschaft." Gewaltenteilung? Chris Christie sagt aus, er habe diesen Auftrag nicht ausgeführt, da er ihn "unsinnig" gefunden habe. 

Welches Demokrativerständnis hat diese Regierung?

Reince Priebus, ehemaliger Stabschef, schimpfte, weil ja der Boss Trump allzu oft den Justizminister beschimpfte: "Nun hat er das Justizministerium am Hals." Und der Anwalt Donald F. McGahn II. klagt, dass Trump von ihm gefährliche Dinge verlange: "to do crazy shit", so heißt es im Original. Trump wiederum nannte McGahn einen "lügenden Bastard". Welches Verständnis von Rollen, welches Verständnis von der Funktionsweise einer Demokratie hat nun also diese Regierung?

Die Ermittlungen endeten ja nicht, und Trump wurde nur wütender und wütender, er schrie und schrie. Der Mueller-Bericht erzählt von ständigem Verrat. Von doppelten Böden auf allen Etagen des Weißen Hauses. Von Misstrauen, ewigen Kränkungen. Um die, um irgendeine Sache, um Inhalte geht es nie; es geht immer nur darum, wer wie gut dasteht. Das ist das System Trump: Er hat es erschaffen, er profitiert davon. Und Trump wies die Chefs seiner Geheimdienste an, gegen die Russland-Ermittlungen anzugehen. Die Chefs der National Security Agency (NSA) duckten sich weg, fertigten aber Notizen an und schlossen diese weg.

Im Mai 2017 ist unklar, ob Comey inzwischen gegen Trump persönlich ermittelt; vor dem Kongress hat Comey dazu die Aussage verweigert. Trump beschimpft seinen Justizminister Sessions, der sich – korrekterweise – aus den Ermittlungen heraushält: "Das ist schrecklich, Jeff. Du hast mich auf einer Insel ausgesetzt, ich kann nichts mehr tun." Stephen Bannon, ehemaliger Berater Trumps, sagt aus, der Boss sei von Comey schlicht besessen gewesen und habe immer wieder neu von diesem Comey angefangen. Bannon selbst und alle anderen Leute im Umfeld hätten davon abgeraten, aber Trump habe Comey am 8. Mai 2017 dann eben doch gefeuert. Trump persönlich habe verlangt, dass in der schriftlichen Erklärung der Entlassung stehen müsse, dass Comey ihm dreimal gesagt habe, gegen ihn persönlich, Trump, werde nicht ermittelt. "Ist dies der Anfang vom Ende?", notierte Annie Donaldson, McGahns Stabschefin.

Frei erfunden

Und so geht es weiter und immer weiter. Als Sarah Huckabee Sanders, damals stellvertretende Sprecherin des Weißen Hauses, die Entlassung Comeys öffentlich erklären muss, sagt sie, das Weiße Haus habe vorher mit "zahllosen Mitgliedern des FBI" geredet, welche die Entscheidung, Comey zu feuern, unterstützten. Das ist die nächste Lüge, es ist frei erfunden. "In der Hitze des Augenblicks" sei ihr "die Zunge ausgerutscht", sagte Sarah Huckabee Sanders den Ermittlern, und nein, in Wahrheit habe es leider keine Gespräche mit FBI-Mitgliedern gegeben. So geht es weiter und weiter und immer weiter. Es ist ein politisches Drama, ein demokratischer Untergang. Trump sagt zu McGahn: "Mueller muss gehen." In diesem Augenblick hat McGahn genug und beschließt zurückzutreten.

Aber es geht natürlich auch ohne McGahn weiter. Damals, als Trump im Oval Office seinen "I'm fucked"-Satz sprach, fügte er an: "Das ist das Schlimmste, was mir jemals passiert ist." Und doch überstand er auch dies, und das alles kann ja nur deshalb immer so weitergehen, weil seine Republikanische Partei beschlossen hat, diesen Präsidenten zu stützen und zu tragen, weil alles andere die Macht der Republikaner gefährden könnte. 

Wer den Mueller-Bericht unvoreingenommen und ohne Parteibuch liest, kann kaum zu einem anderen Schluss kommen: Wenn die mächtigste Demokratie der Welt derart von innen untergraben wird, ist diese Demokratie in Gefahr. Donald Trump ist heute seit genau zwei Jahren und drei Monaten im Amt. Bis zum 1. April 2019 hatte der 45. Präsident der Vereinigten Staaten exakt 9.451-mal gelogen.