Der seit sieben Jahren in Ecuadors Botschaft in London lebende WikiLeaks-Gründer Julian Assange könnte seinen schützenden Rückzugsort möglicherweise bald verlassen müssen. WikiLeaks teilte in der Nacht zum Freitag via Twitter unter Berufung auf "eine hochrangige Quelle innerhalb des ecuadorianischen Staates" mit, Assange werde "binnen Stunden oder Tagen" der Botschaft verwiesen werden. Mit der britischen Seite sei demnach bereits eine Vereinbarung zu seiner Festnahme getroffen worden.

Als Vorwand für seinen angeblich bevorstehenden Verweis aus der Botschaft würden die sogenannten INA-Papers dienen, teilte WikiLeaks unter Verweis auf die Quelle mit. Dabei handelt es sich um Dokumente, die einem ecuadorianischen Abgeordneten zugespielt wurden; sie sollen Medienberichten zufolge Hinweise auf illegale Geschäfte des ecuadorianischen Präsidenten Lenín Moreno und seiner Familie enthalten. Dabei soll es um Schmiergeldzahlungen im Zusammenhang mit einem Wasserkraftwerk gehen, die teilweise auf Konten der Firma INA Investment Corp. eingingen. Das Unternehmen gehört den Berichten zufolge Morenos Bruder Edwin Moreno. Die Generalstaatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet. Moreno weist die Vorwürfe zurück und spricht von einer Schmutzkampagne.

Ecuador: Keine Entscheidung getroffen

Das ecuadorianische Außenministerium schrieb in einer Mitteilung, es kommentiere keine Gerüchte, Theorien oder Mutmaßungen, die keine dokumentierte Grundlage hätten. Laut eines hochrangigen Beamten hat Ecuador noch keine Entscheidung über den Verweis von Assange aus der Botschaft in London getroffen.

Assange hatte sich im Juni 2012 in die Londoner Botschaft des südamerikanischen Landes geflüchtet, um seiner Festnahme und Auslieferung nach Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen zu entgehen. Die schwedische Justiz stellte ihre Ermittlungen zwar später ein, doch Assange fürchtet eine Strafverfolgung in den USA. Dort droht ihm wegen der Veröffentlichung brisanter Dokumente zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak ein Verfahren wegen Geheimnisverrats und lebenslange Haft.

Auch die britischen Behörden haben erklärt, ihn festnehmen zu wollen, weil er durch die Flucht in die Botschaft Kautionsauflagen verletzt habe. Die Regierung in Quito sucht seit Längerem nach Wegen, um Assange loszuwerden. Zuletzt hatte er vergeblich versucht, Ecuador zu verklagen, weil ihm das Internet abgeschaltet worden war und er damit seine Grundrechte im Botschaftsexil eingeschränkt sah.