Die größte Pointe seines Lebens

Er ist ein Staatsmann, von dem viele Ukrainer träumen. Der ganz normale Geschichtslehrer aus dem Kiewer Plattenbau, der nach einer Scheidung wieder bei seinen Eltern einzieht und mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Unbedarft und naiv, aber gutmütig, ehrlich und vor allem fern der korrupten Seilschaften der Politik. Nachdem er überraschend zum Präsidenten gewählt wird, räumt er mit der Korruption im Staate auf. 

Diese Person ist nicht real, sondern die Hauptfigur Wassyl Holoborodko in der TV-Serie Sluga Naroda (auf Deutsch: Diener des Volkes). Wolodymyr Selenskyj, der den Politneuling in der Serie spielt, soll Fiktion jetzt Wirklichkeit werden lassen: Gestern wurde der 41-jährige Schauspieler mit 73 Prozent zum sechsten Präsidenten der Ukraine gewählt. Als er vor knapp vier Monaten am Neujahrsabend seine Kandidatur bekannt gegeben hatte, hielt man es für kaum mehr als einen Gag und freute sich auf einen unterhaltsamen Wahlkampf. In den vergangenen Wochen allerdings zeichnete sich ab, dass Selenskyj große Chancen auf den Sieg hatte.

Wo hört nun die Fiktion auf, wo beginnt die Realität? Ganz klar war das während dieses Wahlkampfes nie. Während Selenskyjs Gegner ihr übliches Rednerprogramm abspulten, tourte Selenskyj mit seinem Kabarett durchs Land und machte Witze über seine politischen Gegner. Den Vorwurf, nur ein Clown zu sein, konterte er mit einer "Clown-Challenge" in den sozialen Medien. Nach einem medialen Schlagabtausch mit seinem Gegner in der Stichwahl, Petro Poroschenko, stellten sich beide Kandidaten einem Rededuell im Kiewer Olympiastadion. Nicht ohne sich zuvor einem Alkohol- und Drogentest zu unterziehen, da "das Land einen gesunden Präsidenten braucht", wie Selenskyj sagte. "Alle haben den Verstand verloren", schrieb die ukrainische Wochenzeitung Nowoje Wremja über diesen Wahlkampf. Und gestern dann trat Selenskyj zur Titelmelodie seiner Fernsehserie ("Ich liebe mein Land, meine Frau, meinen Hund") auf die Bühne, um seinen Sieg zu feiern.

1978 als Sohn einer jüdischen Familie in der südukrainischen Industriestadt Krywyj Rih geboren, studierte Selenskyj zuerst Jura, bevor er seine Leidenschaft für die Komödie entdeckte. Mit Freunden gründete er in den Neunzigerjahren das Kabarettprogramm Kwartal 95, in dem er bis heute spielt. 2015 landete er seinen bisher größten Erfolg: als Diener des Volkes in einer der heute erfolgreichsten TV-Produktionen der Ukraine. 2017 hatte Selenskyj eine eigene Partei registrieren lassen. Ihr Name, wie könnte es anders sein: Sluga Naroda – Diener des Volkes.

Lässt lieber andere reden

Doch was ist Selenskyjs politisches Programm? Zwar stand er in den vergangenen Wochen ständig in der Öffentlichkeit – die neue Staffel der TV-Serie lief wenige Tage vor dem ersten Wahlgang an. Journalistenfragen stellte er sich jedoch nur ausnahmsweise. Ihn umgibt eine eigentümliche Scheinöffentlichkeit, es wurde viel gescherzt, aber wenig diskutiert. Nur so viel wurde klar: dass sich Selenskyj für mehr direkte Demokratie, eine Fortsetzung des Westkurses der Ukraine in Richtung EU und Nato sowie für ein Gesetz einsetzen wolle, um Präsidenten in Zukunft leichter des Amtes zu entheben. Das kündigte er in einem Videointerview mit dem Nachrichtenportal RBK an. Das Interview hatte er aber auch nur gegeben, weil der Journalist Selenskyj in einem Tischtennisturnier besiegt hatte und ein Gespräch der Preis dafür war. Das Reden mit Journalisten überließ er bisher gern anderen, seine Pressekonferenz am Wahlabend dauerte auch nur 13 Minuten.

Als "Liberalen durch und durch" beschreibt ihn der frühere Finanzminister Oleksandr Danyljuk, sowohl in wirtschaftlichen als auch gesellschaftlichen Fragen. Selenskyj sei die einzige Hoffnung auf Veränderung. "Dass die Ukraine so abhängig von den Fernsehsendern der Oligarchen ist, schränkt die Möglichkeiten für neue Gesichter ein, bekannt zu werden", sagt Danyljuk. Aber gerade die Tatsache, dass sich Selenskyj bereits einen Namen als Entertainer gemacht habe, könnte ihm die nötige Unabhängigkeit sichern, die einem völligen Außenseiter fehle, sagt er. Ob Selenskyj am Ende so sein werde wie sein Fernsehheld, der Geschichtslehrer Holoborodko? "Es geht nicht darum, ob er nun so ist wie Holoborodko", sagt Danyljuk, "sondern dass er kein alter Politiker und eben nicht wie Poroschenko ist."

Hauptsache, jemand Neues

Fünf Jahre nach dem Maidan wollten viele Ukrainer Tabula rasa. Da spielte es wohl auch keine Rolle, dass die nette Geschichte vom Diener des Volkes einen Schönheitsfehler hat: Der Sender 1+1, bei dem Selenkyj Karriere gemacht und der ihm zuletzt auch viel Sendezeit eingeräumt hat, gehört dem mächtigen Oligarchen Ihor Kolomojskyj. Der hatte sich zuletzt mit Petro Poroschenko überworfen. Der Wunsch nach wie auch immer gearteter politischer Veränderung scheint im Volk größer gewesen zu sein als jede Skepsis gegenüber möglichen Hintermännern und Financiers. Dass Selenskyj seine Wahlversprechen so vage formuliert hat, war da wohl nur Kalkül.

Es bleibt nun die zentrale Frage, welche Gruppe künftig am meisten Einfluss auf den politischen Anfänger haben wird: Seine Jugendfreunde der Kabaretttruppe Kwartal 95, die noch immer zu seinen engsten Vertrauten zählen? Die Reformer rund um den ehemaligen Finanzminister Danyljuk, die in ihm die letzte Hoffnung auf Veränderung sehen? Oder doch die gewieften Anwälte aus dem Dunstkreis des Oligarchen, wie Andrij Bohdan, der immer wieder in Selenskyjs Nähe gesehen worden war? 

Die Wahlkampfshow hat Selenskyj gewonnen, doch jetzt wird er an seinen Taten zu messen sein. Eine leichte Aufgabe, wie auch immer er sie umreißt, ist es nicht: Eine Analyse des Kiewer Rasumkow-Zentrums zeigt, wie heterogen Selenskyjs Wähler sind. Demnach wollen 52 Prozent von ihnen, dass die ukrainische Sprache gefördert wird, 41 Prozent sind wiederum für eine Gleichberechtigung des Russischen und Ukrainischen. 47 Prozent unterstützen eine freie Marktwirtschaft, 41 Prozent wollen die Rolle des Staates stärken. Eine harte Politik gegenüber Russland unterstützen 55 Prozent, eine sanfte Linie hingegen 32 Prozent seiner Wähler.

Kluge Leute mitbringen

"Es ist so, als hätten sie ein Produkt in unterschiedlichen Verpackungen verkauft", schreibt Iryna Solonenko von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Schwer vorzustellen, welche Politik so ein Kandidat mit so einer Kampagne und so einer Wahlbasis in der Realität umsetzen wird." Die Enttäuschung ist da wohl schon angelegt. Dass es mit der politischen Karriere in der Ukraine besonders schnell vorbei sei kann, mussten andere Politiker – vom glücklosen Wiktor Juschtschenko nach der Orangenen Revolution bis zum gestern abgewählten Petro Poroschenko – selbst erleben. "Ich werde alles tun, was ich kann", sagte Selenskyj in einer Talkshow. "Ich werde kluge Leute mitbringen. Und wenn ich scheitere, dann werde ich das Amt verlassen." 

Wie die Selenskyj-Saga auch ausgehen mag – ein Drehbuch ist zumindest schon geschrieben. Die erste Show der Politsatiriker von Kwartal 95 wird am 5. Mai zu sehen sein. "Das Programm wird ohne Selenskyj stattfinden", sagte ein Sprecher am Wahlabend. "Das Leben geht weiter. Wer soll denn sonst Witze über Selenskyj reißen? Aber ich denke, dass er uns ohnehin wenig Anlass geben wird, sich über ihn lustig zu machen."