Drei zusätzliche Ferientage – wer möchte das nicht. So geschehen gerade in der Volksrepublik China, wo die Staatsführung unvermittelt den freien Tag der Arbeit bis zum 4. Mai verlängert hat. Wer will, kann bis dahin Urlaub nehmen. Die vier freien Tage sollen zum Reisen ermuntern, heißt es offiziell, was wiederum die Konjunktur beleben soll. Doch der eigentliche Grund könnte ein anderer sein: Chinas Führung möchte, dass möglichst viele Städter dieses Jahr die freien Tage dafür nutzen, ihren Urlaub außerhalb der Metropolen zu verbringen – auf dass niemand auf die Idee kommt, sich spontan mit anderen zu versammeln.

Genau das taten mehrere Tausend Studenten am 4. Mai vor 100 Jahren auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, dem Tiananmen. Sie forderten die Modernisierung ihres rückständigen Landes, technologisch, gesellschaftlich und politisch. Auf diese sogenannte 4.-Mai-Bewegung beriefen sich später aber auch die demonstrierenden Studenten von 1989, die gewaltsame Niederschlagung ihres Protests hat 2019 den 30. Jahrestag.

Die 4.-Mai-Bewegung gilt heute als Urgrund des modernen China. Mit dem Ende des chinesischen Kaiserreiches 1911 hatten im Ausland ausgebildete und heimgekehrte Akademiker sich in der sogenannten "Neuen Kulturbewegung" zusammengefunden. Sie wollten im Kern die Übernahme westlicher Errungenschaften: "Mr. Science" und "Mr. Democracy" sollten das Land wieder stark machen, und das forderten auch die Studenten am 4. Mai 1919 auf dem Tiananmen. Die seit 1949 autokratisch herrschende Kommunistische Partei (KP) hat diese Bewegung für sich reklamiert und begeht den Jahrestag entsprechend. Immerhin erfolgte die Gründung der KP im Jahr 1921 auch aus den Ideen der 4.-Mai-Bewegung.

Der 4. Juni 1989 ist ein Tabu

Am Dienstag sprach deswegen Parteichef Xi Jinping in der Großen Halle des Volkes in Peking vor 3.500 ausgesuchten Jugendlichen. Er referierte über die KP-Interpretation des 4. Mai 1919, und vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas appellierte er unermüdlich an den Patriotismus der Jugendlichen.

Die eigentlichen Ursachen der Proteste sind heute aber gar nicht mehr aktuell, denn der 4. Mai begann als antiimperialistische Aufwallung. China war seinerzeit im Versailler Vertrag ungerecht behandelt worden: Das ehemals vom Deutschen Kaiserreich annektierte Qingdao war den Japanern zugesprochen worden, was in China zur Enttäuschung über die demokratischen Westmächte führte und erst 1922 korrigiert wurde.

Doch in der Folge ging es 1919 eben nicht nur um "Mr. Science" und die technologische Rückständigkeit Chinas – diese hat das Land in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend eingeholt –, es ging auch um "Mr. Democracy", wovon die KP heute aber nichts wissen will. Wenn Xi wie am Dienstag von Demokratie spricht, steht das nicht in einem liberalen Kontext, sondern meint die Art und Weise, wie sich die KP um China kümmert.

Die KP-Propaganda hat die Bedeutung der 4.-Mai-Bewegung als Jahrestag daher vor allem patriotisch aufgeladen, um nicht nur das moderne China, sondern auch die Partei selbst zu feiern – eine Rechtfertigung ihrer autokratischen Herrschaft. Doch mit dem 4. Mai gibt es für die KP seit 1989 das Problem, dass die Studentinnen und Studenten, die 1989 auf dem Tiananmen-Platz und später auch in anderen Städten Chinas für mehr politische Offenheit, mehr Presse- und Meinungsfreiheit und gegen Kaderwillkür demonstrierten, sich ideell auch auf die Bewegung von 1919 bezogen.