Bisher haben die obersten Richter Anhörungen zu Fällen weitgehend vermieden, die Roe vs. Wade gefährden können. Doch das kann sich jederzeit ändern und die Folgen wären schnell spürbar. Insgesamt sechs Bundesstaaten haben laut Guttmacher-Institut bereits Gesetze erlassen, die Abtreibungen weitgehend verbieten würden, wenn das Grundsatzurteil revidiert wird. 

Sollte Roe vs. Wade fallen, bliebe Frauen aus Staaten mit restriktiven Abtreibungsgesetzen nur die Flucht in liberalere Bundesstaaten, die sich bereits auf eine mögliche Zukunft ohne bundesstaatliches Recht auf Abtreibung vorbereiten. Erst im Januar hatte New York die Strafandrohung für späte Abtreibungen abgeschafft, für Fälle, in denen die Gesundheit der Mutter gefährdet wäre. Außerdem erlaubt der demokratisch regierte Staat nun nicht mehr nur Ärzten, sondern auch examinierten Krankenpflegern, den Abbruch vorzunehmen.

Die Demokraten brauchen eine Strategie

Doch mittelfristig benötigen die Demokraten eine Strategie, um ihr Ziel zu erreichen, Frauen bundesweit sichere und legale Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs zu ermöglichen. Im Kongress müssten sie entsprechende Gesetzesvorhaben vorantreiben. Einige Ansätze gibt es schon, den Entwurf einer allgemeinen staatlichen Krankenversicherung des Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders zum Beispiel. Er beinhaltet eine Kostenübernahme für Schwangerschaftsabbrüche, die vermutlich auch in Bundesstaaten mit restriktiven Gesetzen Bestand haben würde. 

Dieses Gesetz würde vor allem mittellosen Frauen zugutekommen. Fast die Hälfte der Frauen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen lässt, lebt unter der vom Bund definierten Armutsgrenze. Für bedürftige Amerikaner gibt es zwar bereits eine staatliche Krankenversicherung, sie übernimmt bisher allerdings nicht die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche – wegen des Widerstands der Republikaner. Mit einer allgemeinen Krankenversicherung nach Sanders’ Vorstellung würden diese Ausnahmen wegfallen.

Mehr Engagement in den Südstaaten

Um derlei Pläne umzusetzen, müssten die Demokraten aber sowohl auf Bundesebene als auch in den Landesparlamenten wieder mehr Macht gewinnen. Sie müssten beide Parlamentskammern und das Weiße Haus erobern. Und vor allem in den konservativen Südstaaten muss die Partei mehr Engagement zeigen, um mittelfristig die republikanische Dominanz zu brechen und die Verabschiedung von immer restriktiveren Landesgesetzen zum Schwangerschaftsabbruch zu verhindern. Bei den Midterms im vergangenen November konnten die Demokraten immerhin 300 Sitze in Landesparlamenten zurückgewinnen. Doch das reicht nicht.

Möglicherweise würde es den Demokraten mit einer entsprechenden Präsenz im Süden auch gelingen, den dortigen Republikanern Sitze im US-Senat abzunehmen. Und da der Senat Bundesrichter bestätigen muss, könnten die Demokraten so auch eine wichtigere Rolle bei der Besetzung des Obersten Gerichtshofs spielen – und so dabei helfen, Roe vs. Wade zu erhalten.