In einer emotionalen Rede an der US-Eliteuniversität Harvard hat sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) für internationale Kooperation und gegenseitigen Respekt ausgesprochen. "Veränderungen zum Guten sind möglich, wenn wir sie gemeinsam angehen", sagte Merkel in ihrer Ansprache während der Abschlussfeier der Hochschule, die immer wieder von langem Beifall und Jubel unterbrochen wurde. Auch wenn Merkel den US-Präsidenten kein einziges Mal erwähnte, wirkte ihre Rede wie eine Abrechnung mit Donald Trumps "America First"-Politik.

"Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln", sagte Merkel begleitet vom Applaus von etwa 20.000 Absolventinnen und Absolventen sowie Angehörigen und Professoren. Gehandelt werden müsse global statt national, weltoffen statt isolationistisch, "gemeinsam statt alleine". Protektionismus und Handelskonflikte gefährdeten den freien Welthandel und damit die Grundlage des Wohlstands, so Merkel weiter.

Trump steht für seinen protektionistischen Politikstil bei vielen seiner internationalen Verbündeten in der Kritik. Auch die Beziehung zwischen Deutschland und den USA gilt seit seinem Amtsantritt 2017 als angespannt. Der US-Präsident hatte mehrfach deutlich gemacht, dass für ihn nationale Interessen Vorrang vor einer globalen Weltordnung hätten. Zudem befindet sich Trump mit mehreren Ländern, etwa mit China, in einem Handelskonflikt, der sich auf die Weltwirtschaft auswirkt.

"Lügen nicht Wahrheit nennen"

Merkel sagte in ihrer Rede, es sei möglich, Antworten auf die schwierigen Fragen der heutigen Zeit zu finden, "wenn wir Respekt vor der Geschichte, der Tradition, der Religion und der Identität anderer haben, wenn wir fest zu unseren unveräußerlichen Werten stehen und danach handeln und wenn wir bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen."

Dafür brauche es Mut und Wahrhaftigkeit gegenüber anderen und sich selbst. "Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen." Auch diese Forderung wurde von vielen Zuhörerinnen und Zuhörern als Seitenhieb auf Trump verstanden, der den Medien systematisch falsche Berichterstattung vorwirft. Die Faktenchecker der Washington Post haben jedoch seit seinem Amtsantritt Anfang 2017 mehr als 10.000 falsche oder irreführende Behauptungen des US-Präsidenten gezählt.

Es sei möglich, Diktaturen zu beseitigen, die Erderwärmung zu stoppen, den Hunger auf der Welt zu besiegen, Krankheiten auszurotten, Fluchtursachen zu bekämpfen und den Menschen – insbesondere Mädchen – Zugang zu Bildung zu geben. "Das alles können wir schaffen", so Merkel weiter. Beim Thema Klimaschutz übte Merkel auch Selbstkritik. Es müsse "alles Menschenmögliche" getan werden, um "diese Menschheitsherausforderung wirklich in den Griff zu bekommen". Dazu müsse jeder seinen Beitrag leisten und auch die Bundesregierung "besser werden", sagte sie.

Merkel sprach außerdem über ihre Vergangenheit in der DDR. Die Berliner Mauer habe ihr Leben als junge Frau damals sehr eingeschränkt, ihr aber nie ihre Träume und Sehnsüchte nehmen können. Mit dem Fall der Mauer habe sich damals auch für sie eine Tür in eine neue Zukunft geöffnet.

Dennoch sei nichts selbstverständlich – Demokratie nicht, Frieden nicht, Wohlstand nicht. "Aber wenn wir die Mauern, die uns einengen, einreißen, wenn wir ins Offene gehen und Neuanfänge wagen, dann ist alles möglich", so Merkel. Zum Schluss ihrer Rede appellierte sie an die Absolventen: "Reißen Sie die Mauern von Ignoranz und Engstirnigkeit ein, denn nichts muss so bleiben, wie es ist."

Merkel erhält Ehrendoktortitel der Universität Harvard

Die Harvard University in Cambridge im Bundesstaat Massachusetts verlieh der promovierten Physikerin Merkel bei ihrem Besuch auch die Ehrendoktorwürde. Explizit lobte die Hochschule unter anderem Merkels Ausspruch "Wir schaffen das" aus dem Sommer 2015, der ihr in Deutschland viel Kritik eingebracht hatte. Merkels Entscheidung, in großer Zahl Migranten und Flüchtlinge ins Land zu lassen, habe ihren Willen gezeigt, für das einzustehen, was sie für richtig halte – auch wenn dies unpopulär sei.

Harvard-Präsident Larry Bacow sagte, Merkel gehöre zu den "einflussreichsten Staatsleuten unserer Zeit". Auch die frühere Harvard-Präsidentin Drew Faust und der Gründungsdirektor des Smithsonian National Museum of African American History and Culture, Lonnie Bunch, erhielten Ehrenabschlüsse.

Bei ihrem Besuch traf Merkel außerdem den Gouverneur von Massachusetts, Charlie Baker. Zudem führte sie Gespräche mit Vertretern des Center of European Studies der Universität Harvard und deutschen Studentinnen und Studenten. Kurz nach ihrer Harvard-Rede wollte Merkel wieder zurück nach Deutschland fliegen. In Berlin wird an diesem Freitag US-Außenminister Mike Pompeo erwartet. Pompeo holt damit seinen ursprünglich am 7. Mai geplanten Deutschlandbesuch nach, den er wegen der wachsenden Spannungen zwischen dem Iran und den USA abgesagt hatte.

Zu einem Treffen mit Trump kam es während Merkels Kurzbesuch in den USA nicht. Nach Angaben eines deutschen Regierungssprechers hatte die US-Seite frühzeitig mitgeteilt, dass der Präsident an diesem Tag nicht in Washington sein werde. Trump sprach am gleichen Tag ebenfalls vor Absolventen, allerdings etwa 3.000 Kilometer von der Universität Harvard entfernt, an der US Air Force Academy im US-Bundesstaat Colorado. Merkel hatte Trump zuletzt im April 2018 besucht.