Es ist eng im Innenhof der berühmtesten Eliteuniversität der Welt. Tausende sind gekommen, um Angela Merkel in Harvard sprechen zu hören. Wer keinen Klappstuhl ergattert hat, muss sich auf den Stufen vor dem Bibliotheksgebäude einen Stehplatz suchen oder die Rede der Bundeskanzlerin auf einer der vielen Videoleinwände verfolgen, die überall auf dem Gelände verteilt sind. Es ist der Tag der Abschlussfeier in Cambridge in Massachusetts, und Merkel hält vor den Absolventinnen und Absolventen die Festrede, nachdem sie zuvor die Ehrendoktorwürde erhalten hat. Diese Ehre ist schon ihren Amtsvorgängern Konrad Adenauer, Helmut Schmidt und Helmut Kohl zuteil geworden. 

Doch die Zeiten haben sich geändert. Während die ehemaligen Bundeskanzler in Phasen relativer transatlantischer Einigkeit nach Harvard kamen, könnte Merkel politisch kaum weiter entfernt sein vom derzeitigen Präsidenten der USA, Donald Trump. Während Deutschland mit seiner Exportwirtschaft auf offene Grenzen und gute Handelsbeziehungen angewiesen ist, versucht der US-Präsident mit immer neuen Handelszöllen, die heimische Wirtschaft zu stärken. Während Merkel eher als moderierende Kraft gilt, liebt Trump die öffentliche Kraftmeierei. 

Beim Publikum in Harvard kommt der Stil der Bundeskanzlerin offensichtlich besser an. Als sie am frühen Nachmittag die Bühne betritt, stehen die Zuhörerinnen und Zuhörer auf und applaudieren. "Ich bin begeistert, heute hier sein und euch von meinen Erfahrungen erzählen zu können", sagt Merkel in passablem Englisch. Sie wirkt gelöster als sonst. 6.000 Kilometer von Deutschland entfernt trifft sie auf ein geneigtes Publikum. Hier kann sie sich als bedächtige Staatsfrau inszenieren, deren Wort Gewicht hat. Anders als in Deutschland, wo der Einfluss der Kanzlerin seit ihrer Rücktrittsankündigung Ende Oktober geringer zu werden scheint und zunehmend andere den politischen Diskurs bestimmen.

Sehnsucht nach der "liberalen Weltordnung"

Merkel führt ihre Rede nach einigen englischen Sätzen auf Deutsch fort und erzählt von ihrer Jugend in der DDR, von ihrer Ostberliner Wohnung, die nahe jener Mauer lag, die sie lange nicht überwinden konnte. "Jeden Tag musste ich kurz vor der Freiheit abbiegen", sagt die Kanzlerin und schildert ihre Erleichterung nach dem Mauerfall, der ihr ermöglicht habe, neue Wege zu gehen. Diese Anekdote richtet sich vermutlich auch an Donald Trump, der den Ausbau von Befestigungsanlagen an der Grenze zu Mexiko zu einem seiner wichtigsten politischen Projekte erklärt hat. 

Es ist eine von vielen Anspielungen auf den US-Präsidenten, die Merkel in ihrer knapp 35 Minuten langen Rede einstreut. Heute gebe es wieder Mauern in den Köpfen, sagt die Kanzlerin bedächtig – Mauern aus "Ignoranz und Engstirnigkeit". Diese würden zwischen Mitgliedern einer Familie ebenso wie zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Hautfarben, Völkern, Religionen verlaufen. "Ich wünsche mir, dass wir diese Mauern einreißen." Man dürfe auch "Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen", sagt Merkel wohl in Hinblick auf das schwierige Verhältnis Trumps zur Presse. Ohne den Präsidenten beim Namen zu nennen, wählt Merkel deutliche Worte der Kritik.

Das kommt gut an beim Publikum. Es wirkt, als sehnten sich die Zuhörer nach Zeiten, in denen Barack Obama im Weißen Haus regierte, in denen der Brexit noch in weiter Ferne lag und die AfD ein politisches Randdasein führte. Genau wie die Kanzlerin wirkt das weltoffene, aber zugleich elitäre Harvard wie eine Zeitkapsel, in der die Werte, von denen Merkel spricht, konserviert werden.

Die ummauerten Universitätsgebäude in Cambridge sind eine Bastion des liberalen Amerikas, das sich allerdings zunehmend vom Rest des Landes entfremdet hat. Und wenn Merkel in Harvard davon spricht, dass "Protektionismus und Handelskonflikte" den freien Welthandel und "die Grundlagen unseres Wohlstandes" gefährden, dürfte das zwar in Harvard gut ankommen, nicht aber im deindustrialisierten Mittleren Westen des Landes, in dem sich die Wähler bewusst für den Trump-Protektionismus entschieden haben.