Ein Knattern erfüllt den Morgen, wenn Motorroller und -Räder die Autos auf die Grenze zuhalten, vorbei an einer Autoschlange, die sich von Spanien nach Gibraltar schiebt. Dazwischen Fußgänger, die zielstrebig durch die Kontrollstellen gehen, den Ausweis vor sich haltend. Für zirka 10.000 Spanier ist das der tägliche Weg in die Arbeit. Sie verlassen dazu ihr Land, das geht wegen der Arbeitnehmerfreizügigkeit, die es ihnen erlaubt, in dem britischen Überseegebiet im boomenden Tourismussektor zu arbeiten. In Gibraltar trifft sich Europa. Noch. Denn bald könnte im Süden Spaniens eine EU-Außengrenze verlaufen.

Den Brexit wollen die 35.000 Gibraltarer nicht, die seit dem 18. Jahrhundert zu Großbritannien gehören. Mit 96 Prozent haben sie für den Verbleib in der EU gestimmt. Zwei Brexit-Termine sind ergebnislos verstrichen, ob und wann Großbritannien die EU wirklich verlässt, ist offen. Und deshalb müssen die Briten und Gibraltarer am 23. Mai das EU-Parlament mitwählen.

"Wir sind stolz darauf, britisch zu sein"

Der Brexit steht nicht auf dem Wahlzettel und spielt dennoch eine zentrale Rolle. Auf der Insel liegt die Brexit-Partei von Nigel Farrage in Umfragen vorn. Und auch in Gibraltar titelt eine lokale Zeitung: "EU-Wahl. Ein zweites Brexit-Referendum" – in Englisch und Spanisch, denn die Menschen, die sich durch die Gassen der alten Stadt schieben, vorbei an blauen, rosa, grünen Kolonialhäusern mit Fensterläden und Gitterbalkonen, sprechen beide Sprachen. Spanier in England, England in Spanien, Gibraltar zu definieren ist schwierig.

"Wir sind stolz darauf, britisch zu sein", sagt die 44-jährige Fiona, Verkäuferin in einem der zahlreichen Schmuckgeschäfte in der Hauptstraße. Sie hat blaue Augen und blonde, kinnlange Haare. "Aber im Grunde sind wir eine Mischung von Nationalitäten und Gefühlen. Meine Mutter ist deutsch, meine Tochter halb spanisch."

Um die Ecke versucht die 40-jährige Ancy Fernandes Gäste für ihr Restaurant Curry and Sushi zu gewinnen. Sie erinnert sich an Tag des Brexit-Referendums: "Die Straßen waren leer. Es war, als wäre jemand aus der Familie gestorben. Es gab kein Lachen und keine Musik. Man konnte die Angst und die Trauer in der Luft spüren." Spanier und Briten haben in Gibraltar kein Problem miteinander, sagt sie. Aber sie bezweifeln, dass London und Madrid das verstehen.

Seit 300 Jahren streiten sich die beiden Seemächte um den Landzipfel. Zwischen 1969 und 1985 schloss Spanien die Grenze, nachdem die Gibraltarer in einem Referendum mit 99 Prozent dafür gestimmt haben, unter britischer Hoheit zu bleiben. Der Kontakt zur Außenwelt brach für die Gibraltarer über 15 Jahren ab, es gab kein frisches Gemüse, Fleisch oder Milch. Familien wurden auseinandergerissen.

Ein Notfallplan für die harte Grenze

Als Reaktion auf das Brexit-Ergebnis hat Spanien sofort seine Ansprüche erneuert. Spanien habe damals die Grenze seinerzeit nur geöffnet, weil es eine Beitrittsbedingung zur EU war, sagt Joseph Garcia, der als stellvertretender Hauptminister Gibraltars für die Brexit-Angelegenheiten zuständig ist. Was passiert, wenn die Briten die EU verlassen, ist offen.

Natürlich wird Gibraltar mit Großbritannien austreten. Sie respektieren die Entscheidung ihres Landes, auch wenn, wie Garcia sagt, die Leute in Großbritannien sich wohl nicht vorstellen können, wie es ist, verschiedene Identitäten zu haben, in einem "Mikrokosmos des europäischen Projekts" zu leben. Auch Restaurantbetreiberin Fernandes sagt: "Wir sind stolze Briten, aber sind die Briten auch stolz, uns zu haben?" Mit seinen Sorgen werde Gibraltar im Königreich alleingelassen. "Wir haben hier niemand anderen. Nur Meer und Afrika."

Für den Fall einer harten Grenze gibt es einen Notfallplan: Kranke würden auf Kosten der gibraltarischen Regierung ins Vereinigte Königreich geflogen. Ist das örtliche Krankenhaus überfordert, können Patienten derzeit wählen, ob sie nach Spanien verlegt werden wollen. Die Versorgung mit Gegenständen des Alltags liefe dann über See und Luft. Arbeitskräfte sollen aus Marokko kommen. 

Ob es so weit kommt? Die Gibraltarer schwanken zwischen Zuversicht und Hoffnung. In dieser Stimmung versuchen James Glancy und Luke Stagnetto fürs Europaparlament zu werben.

Glancy ist für die Brexit-Partei nach Gibraltar geflogen. In Gibraltar wird Glancy mit einer anderen Stimmung empfangen als daheim: "Wie kommen Sie darauf, dass Ihnen der Besuch hier einen politischen Gewinn bringt?", konfrontiert ihn der Journalist von einem lokalen Ableger der BBC mit der ersten Interviewfrage. Glancy war Marinesoldat und drei Mal in Afghanistan. Er hat die zweithöchste Tapferkeitsauszeichnung von der Queen bekommen. Den europafreundlichen Gibraltarern zu erklären, warum ein Brexit für sie sinnvoll ist, ist eine neue Herausforderung.

Er sagt, es gebe spanische Regierungsvertreter, die sich auf europäischer Eben dafür einsetzen, Gibraltar zu benachteiligen. "Die EU wird sich weiter integrieren und es wird eine europäische Armee geben, die in zehn Jahren ihre Schiffe in Gibraltar stationieren will", sagt er und verspricht: Nur ein gemeinsamer Austritt aus der EU werde Gibraltar vor Spanien retten.

Wenn die Spanier kontrollieren, gibt es Stau

Luke Stagnetto gehört zu den Liberal Democrats, die in Gibraltar regieren und im EU-Parlament mit der FDP in einer Fraktion sitzen. Nach dem Motto "Revoke, Referendum, Remain." wollen sie den Brexit verhindern. Der 21-jährige Stagnetto ist der einzige EU-Kandidat, der aus Gibraltar kommt, und er ist der jüngste in Großbritannien. Er hat dunkle Haare, einen gepflegten Dreitagebart und er lächelt. Die Unterstützung in Gibraltar ist groß. Das Brexit-Referendum war für ihn die erste Wahl und der ausschlaggebende Grund, selbst in die Politik zu gehen. Er will seine Generation vertreten, die mit den Folgen des Brexits leben werden muss, genauso wie seine Heimat. Auch er sieht in der EU-Wahl ein zweites Brexit-Referendum. Eine Hoffnung, an die sich die Gibraltarer klammern.

Die Spanier als großer imperialer Nachbar, so argumentiert dagegen die Brexit-Partei. Und manchmal fühle sich das wirklich so an, findet Fiona: "Es gibt Tage, da stauen sich die Autos bis zum Strand, weil die spanischen Grenzbeamten jedes Fahrzeug checken." Möglich ist das, weil Gibraltar, genau wie Großbritannien, nicht Teil des Schengenabkommens ist.

Auch die 38-jährige Inga beschwert sich über die Spanier. "Sie finden immer einen Weg, um uns zu attackieren. Dabei sollten sie dankbar sein, dass Spanien wirtschaftlich von uns profitiert." Sie steht im Parfumladen von Freunden und redet mit ihnen über alles, außer Politik. "Hier sind so viele verschiedene Nationalitäten. An einer schiefgegangenen Diskussion kann eine Freundschaft zerbrechen." Inga wird nicht an der EU-Wahl teilnehmen.

Fiona dagegen wird sicher wählen, weil sich Gibraltar das Wahlrecht vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erkämpfen musste und erst seit 2004 hat. Nur wen sie wählen soll, das weiß sie noch nicht.