Als die ersten Steine über den Wohnzimmerboden rollten, verbarrikadierte sich die Familie Hristow im Badezimmer. Es ist der Raum des Hauses, in dem keine Fenster sind, die zertrümmert werden können. Drei Generationen kauerten ängstlich am Boden und lauschten den Rufen der fast 2.000 Menschen vor ihrer Tür. Sie hatten eine eindeutige Botschaft mitgebracht: "Kommt raus, wir machen Seife aus euch." So erzählt es die Familie später.

Eigentlich ist Gabrowo, gelegen im gebirgigen Norden Bulgariens, als Zentrum des Humors und der Komödie bekannt. Die Stadt gilt als wohlhabend, gepflegt und perfekt für Familien. Nicht in dieser Nacht. Die fanatische Menschenmenge zog schließlich weiter, suchte anderswo nach Mitgliedern der verhassten ethnischen Minderheit. Die Familie Hristow lief durch das Haus, über den erdigen Vorhof, hin zum Minivan, mit dem sie aus ihrer Heimatstadt flohen. Für Roma wie sie, so teilte ihnen die Polizei mit, sei Gabrowo nicht mehr sicher.

Seit seiner Geburt nennt Familienoberhaupt Wassil Hristow die kleine Stadt Heimat. Vor dem Gesetz sind er, seine Kinder und Enkelkinder den Menschen gleichgestellt, die ihnen in dieser kalten Aprilnacht mit dem Tod drohten. Im Alltag werden Roma allerdings auf fast allen Ebenen diskriminiert – von separaten Behandlungsräumen in Krankenhäusern bis zu getrenntem Unterricht in den Schulen. Für viele ethnische Bulgaren ist die Volksgruppe ein Feindbild. Die Minderheit wird für nahezu alle sozialen und wirtschaftlichen Übel eines Landes verantwortlich gemacht, das als ewiges Schlusslicht der EU gilt. Es herrscht eine kollektive Verachtung, die sich immer wieder entlädt. In Extremfällen, wie jüngst in Gabrowo, bedeutet diese Entladung pogromartige Aufstände. In der kleinen Stadt wurden nicht nur Familien bedroht und Nachbarn aus der Stadt gejagt, auch manche Häuser wurden niedergebrannt.

"Gabrowo muss von den Roma gesäubert werden"

Der Auslöser war eine Prügelei. Drei angetrunkene junge Roma hatten in einem 24 Stunden geöffneten Supermarkt im Zentrum der Stadt einen Streit begonnen. Es kam zu einem Handgemenge mit einem Angestellten. Nichts, was man sich in seiner Nachbarschaft wünscht, aber auch kein vorsätzliches Handeln einer kriminellen Bande. Und doch verbreiteten sich die Bilder der Überwachungskamera rasant im ganzen Land. Selbst die Politik nutzte den Vorfall, um die Minderheit öffentlich zu diffamieren. Auf einer Pressekonferenz sprach der stellvertretende Premierminister Krassimir Karakatschanow von "immer unverschämteren Zigeunern". Swetlana Dontschewa schrieb auf Facebook: "Gabrowo muss von den Roma gesäubert werden." Dontschewa ist die Frau eines weiteren stellvertretenden Premierministers, der EU-Projekte zur Integration der Roma verantwortet.

So wie in Mitteleuropa gegen Flüchtlinge und Muslime gewettert wird, werden in Bulgarien die Roma systematisch diskriminiert und zum Stimmenfang genutzt. "Immer, wenn Wahlen bevorstehen – und ganz besonders, wenn die Umfrageergebnisse der rechten und konservativen Parteien niedrig sind oder sinken – kommt ein 'Konflikt' aufgrund eines Zwischenfalls auf", sagt der Soziologe Alexej Pamporow. "Und von diesem 'befreien' uns dann die Anführer der rechten Parteien." Pamporow ist außerordentlicher Professor der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und beobachtet seit vielen Jahren, wie die politische Kommunikation und die Medien des Landes mit Stereotypen gegen Roma arbeiten. Der Rechtsruck in Europa ging auch an Bulgarien nicht vorbei und verschlimmerte die Situation der Roma. Die konservative Partei GERB, die bis auf eine kurze Unterbrechung seit 2009 den Ministerpräsidenten stellt, koaliert seit 2017 mit einer Allianz rechtsradikaler Parteien. 2019 ist ein wichtiges Wahljahr in Bulgarien. Neben den EU-Wahlen im Mai stehen im Herbst auch Kommunalwahlen an.

Eine Konstellation, die Menschen wie Daniela Mihajlowa große Sorgen bereitet. Das Büro der Anwältin liegt im zweiten Stock eines Altbauhauses in Sofia. Mihajlowa nimmt an einem Holztisch Platz und erzählt von ihrer Arbeit. Bald senkt sie ihren Kopf. "Die Situation für Roma in Bulgarien wird immer schlimmer", sagt sie. "Weil es der einfachste Weg für Politiker ist, den durchschnittlichen Bulgaren zu erreichen." Das Jahr 2019 war erst wenige Tage alt, da gab es bereits die ersten Proteste gegen Roma. Im Dorf Woiwodinowo, nahe der aktuellen europäischen Kulturhauptstadt Plowdiw. Zwei Roma hatten einen bulgarischen Soldaten angegriffen. Kollektiv zog man sämtliche Roma im Dorf zur Verantwortung. Dutzende mussten fliehen.

"Vor 1989 schätzten die Bulgaren die Fürsorge des Staates – es gab Arbeit, Bildung und Urlaub", sagt Mihajlowa. Als der eiserne Vorhang fiel, stand sie gerade vor dem Beginn ihres Studiums. "Meine Klassenkameraden und ich waren damals großer Hoffnung, dass wir eine Gesellschaft werden, in der Menschen dieselben Möglichkeiten haben", sagt sie. Doch die Demokratie stellte dem Land und seiner Bevölkerung viele Hürden. Staatliche Betriebe wurden privatisiert, Arbeitsplätze eingespart, die Wirtschaft kam nicht in Gang. Die Schuldigen waren schnell gefunden. "Roma waren die einfachste Zielscheibe", sagt Mihajlowa.