In der Toskana heißen die meisten Männer Carlo oder Giuseppe. Aber wer genug Zeit in der Region verbringt, wird schließlich ältere Herren treffen, die weniger gängige Namen tragen: Igor, zum Beispiel. Oder Wladimir.

In den vergangenen 100 Jahren war die Toskana eine der verlässlichsten Festungen der italienischen Linken. Historiker und Politikwissenschaftler haben lange über die Gründe dieser lokalen Tradition debattiert. Vielleicht ist die linke Identität der Region der Bedeutung mittelalterlicher Republiken geschuldet, etwa Florenz oder Siena? Oder vielleicht folgte sie aus dem tiefen Antiklerikalismus, der aus der Nähe zu den Kirchenstaaten erwuchs?

Was auch immer die Gründe dafür waren, diese Realität war unbestreitbar – selbst in abgelegenen Ecken der Toskana wie Monte Amiata, wo ich in den vergangenen Dutzend Jahren jeden Sommer einige Zeit verbracht habe. In den bitteren Jahren unter Benito Mussolini fanden tapfere Antifaschisten Zuflucht in den Wäldern, die die nahe gelegenen Berge bedecken. Als die Demokratie nach Italien zurückkehrte, wählten die Bauern Bürgermeister, die der Kommunistischen Partei angehörten; etliche nannten ihre neugeborenen Jungen nach russischen Revolutionären, daher all die Igors und Wladimirs. Selbst als die Parteien, die die Nachkriegszeit dominiert hatten, sich in den frühen Neunzigerjahren in einem gigantischen Korruptionsskandal auflösten und Silvio Berlusconi die bestimmende Kraft der italienischen Politik wurde, übertrugen die Einheimischen ihre Loyalität pflichtbewusst auf die Mitte-links-Partei Partito Democratico.

Über diesen ganzen Zeitraum bekamen rechtsextreme Parteien wie die Lega Nord in der Toskana wenig Unterstützung. Noch 2014 kratzte die Lega in der Provinz Grosseto gerade einmal an den drei Prozent.

Aber diese jahrhundertealte Tradition hat nun ein bemerkenswertes Ende gefunden. In Arcidosso, das in den vergangenen Jahren mein Sommerrevier war, hat Matteo Salvinis Lega bei der Europawahl am Sonntag 39 Prozent der Stimmen bekommen. In Castel del Piano, einer wunderschönen Hügelstadt, auf die ich aus meinem Küchenfenster schaue, ist sie auf 41 Prozent geschossen. In Seggiano, einem pittoresken Dorf, auf das der Blick aus meinem Garten fällt, hat sie volle 48 Prozent geschafft.

Nicht in falscher Sicherheit wiegen

Dieselbe Veränderung hat es in vielen Teilen der ländlichen Toskana und in anderen links orientierten Regionen überall in Italien gegeben. Tatsächlich sogar in ganz Europa: Einige Regionen, die in der Vergangenheit am standhaftesten die Linke unterstützt haben, sind dabei, Kernland der extremen Rechten zu werden.

Der schiere Umfang der Europawahl und die extremen Unterschiede zwischen den Parteien, die von Griechenland bis Schweden auf dem Wahlzettel standen, machen es möglich, für so ziemlich jede Interpretation der Ergebnisse passende Belege zu finden. Während einige Kommentatoren die Europawahl in den vergangen Tagen als Beweis für den weltweit anhaltenden Aufstieg populistischer Parteien hergenommen haben, beschrieben andere die Wahl als "die populistische Welle, die nicht kam".

Drei Jahre nach der überraschenden Abstimmung für den Brexit und der schockierenden Wahl Donald Trumps ist die Geschichte vom Aufstieg des Rechtspopulismus‘ langsam ein alter Hut. Also entschieden sich viele Medien für die neuere Geschichte. Der triumphale Sieg der extremen Rechten, das scheint sich als Konsens durchzusetzen, ist ausgeblieben. Stattdessen hat eine Wahl mit hoher Beteiligung den grünen und liberalen Parteien überall auf dem Kontinent neue Kraft geschenkt.

An dieser Erzählung ist etwas dran. Die Populisten erlebten in einigen wichtigen Ländern eine enttäuschende Wahlnacht, unter anderem in Deutschland und Spanien. Auch in Ländern, wo es einst so aussah, als würden sie zu einer echten Gefahr werden, hat sich ihr Vormarsch verlangsamt, etwa in Dänemark oder Schweden. Wenn der Referenzwert die Befürchtung ist, dass die extreme Rechte inzwischen bei jeder Wahl in jedem Land triumphiert, dann können die Ergebnisse in falscher Sicherheit wiegen.