Bei der letzten indischen Parlamentswahl 2014 musste Sangeeta Devi nicht überlegen, wem sie ihre Stimme gibt. Ihr Ehemann traf die Entscheidung für sie. Wie er wählte die 35-Jährige Premier Narendra Modi und die amtierende Bharatiya-Janata-Partei, kurz BJP.

Mit ihrer Kollegin Murti Devi betritt die zweifache Mutter am späten Nachmittag die Kindertagesstätte im Dorf Sehjawas, rund 60 Kilometer von der Hauptstadt Neu-Delhi entfernt. An den Wänden stehen Sprüche über weibliche Ermächtigung, darunter der berühmte Slogan der Modi-Regierung: "Beti bachao, beti padao" – "Rette die Tochter, bilde die Tochter".

Sehjawas liegt im Bundesland Haryana. Vor einigen Jahren noch wäre es unvorstellbar gewesen, dass hier zwei Frauen – als Dalits auch noch am unteren Ende des Kastensystems – ihre Häuser verlassen und sich in der Gemeinde engagieren. In keinem anderen Staat werden so viele weibliche Föten getötet und Gruppenvergewaltigungen angezeigt wie in Haryana.

Gemeinsam mit anderen Frauen im Dorf aber kämpften Sangeeta und Murti vor fünf Jahren für die Einrichtung der Kindertagesstätte, in der sie jetzt stehen – und hatten Erfolg. Das hat sie politisch ermächtigt. Wen sie wählen, wollen sie diesmal selbst bestimmen. "Männer denken nur an Parteien, BJP oder Kongress", sagt Murti. "Sie denken nicht: Wir wollen bessere Schulen und Gesundheitsversorgung, wer kann uns das geben?"

Die Inderinnen Sangeeta Devi (l.) und Murti Devi in der Kindertagesstätte im Dorf Sehjawas, für deren Einrichtung sie gekämpft haben. © Sunaina Kumar

Die Wählerin hat politische Macht

Sangeeta und Murti sind Teil einer neuen Wählergruppe, die bei der laufenden indischen Parlamentswahl in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist: Frauen. Gut die Hälfte der 900 Millionen Wahlberechtigten ist weiblich. Bereits 2014 war die Zahl der Wählerinnen stärker gestiegen als die von Wählern. In diesem Jahr könnten sogar mehr Frauen ihre Stimme abgeben als Männer. In beinahe der Hälfte der Bundesstaaten war das bereits 2014 der Fall.

Die neue Wählerin ist das Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen um die Förderung von Mädchen und Frauen im Land. Sie ist jung, gebildeter als ihre Mutter und oft ambitionierter. Und sie glaubt an politische Partizipation: Immer mehr Frauen nutzen ihre Stimme selbstbestimmt, ohne Einfluss der Familie, schreiben die Autoren Prannoy Roy und Dorab Sopariwala in ihrem Buch The Verdict: Decoding India's Elections. Die Ökonomin und Leiterin des Thinktanks Brookings India, Shamika Ravi, nennt es eine "stille Revolution".

Die indische Wählerin hat politische Macht, das wurde 2014 bei der letzten Wahl sichtbar. Im Bundesstaat Bihar forderten die mehr als acht Millionen in Selbsthilfegruppen organisierten Frauen ein allgemeines Alkoholverbot. Ein Anliegen, das Frauen im ganzen Land vorbringen, denn Männer versaufen oft das Geld der Familie und werden unter Alkohol gewalttätig. Der Ministerpräsident von Bihar, Nitish Kumar, versprach genau das. Er gewann und hielt das Versprechen.

Einige Parteien warben im Vorfeld mit Frauenquoten auf ihren Kandidatenlisten. Oppositionsführer Rahul Gandhi versprach, ein seit Jahren ausstehendes Gesetz für eine parlamentarische Frauenquote von 33 Prozent zu verabschieden, sollte seine Kongresspartei an die Macht kommen. Die amtierende BJP zog gleich. Doch gerade die großen Parteien sind es, die einer gleichberechtigten Partizipation im Weg stehen – und das ausgerechnet im Wahlkampf wieder unter Beweis stellen.