Man mag das Bild kaum noch bemühen. Groundhog Day, zu Deutsch: Und täglich grüßt das Murmeltier. Aber es passt einfach zu gut. Und wer seit Jahren aus und über Gaza berichtet, kommt kaum daran vorbei: Hamas und Israel führen miteinander einen seltsamen Pas de deux auf, eine gut einstudierte Choreografie, mit einem Vorspiel, einer Klimax und einem abrupten Ende, als sei nichts gewesen. Das mag zynisch klingen angesichts von 600 Raketen, die in nur zwei Tagen auf Israel herniederprasselten, angesichts von über 300 Luftangriffen der israelischen Luftwaffe auf Gaza in dieser Woche. Das Ergebnis: vier Tote auf israelischer Seite, 25 auf palästinensischer. Wer mag da von einem Tanz reden? 

Und doch – es ist einer. Beide Seiten wissen genau, wie das Spiel funktioniert und wie sie ihre Ziele immer wieder erreichen wollen und teils auch können. Im Fall der jetzigen Kämpfe gab es für beide Seiten Termine, vor denen die Kampfhandlungen eingestellt sein mussten: Für die Muslime war es der Beginn des Ramadan, für Israel der 71. Unabhängigkeitstag an diesem Donnerstag und der Beginn des Eurovision Song Contest (ESC), der nächste Woche in Tel Aviv ausgetragen wird. Darum eskalierte bei dieser Runde der Auseinandersetzungen die Gewalt mehr denn je: Es wurde schneller, härter, brutaler zugeschlagen, die Zeit war knapp. Für beide Seiten.

Ein Vorgeschmack auf den nächsten richtigen Krieg

Die Raketensalven der Hamas und des Islamischen Dschihads brachten die Abwehrsysteme der Israelis in arge Bedrängnis, Israel führte seine Methode der gezielten Tötungen nach fünf Jahren Pause wieder ein und bombardierte zudem wichtige strategische Positionen der Islamisten, inklusive Hochhäusern und Büros. Man bekam einen Vorgeschmack darauf, wie der nächste richtige Krieg zwischen beiden Seiten aussehen dürfte.

Entzündet hat sich die Lage mal wieder an der großen wirtschaftlichen Not in Gaza. Im letzten November und auch im März dieses Jahres hat es immer wieder so ein Aufflackern von Gefechten gegeben: jedes Mal dann, wenn die Hamas das Gefühl hatte, die zuvor vereinbarten Waffenstillstandsabkommen werden von Israel nicht eingehalten. Tatsächlich hat sich Jerusalem nicht wirklich beeilt, alle zugesagten Erleichterungen so zügig umzusetzen, wie sich die Hamas das vorgestellt hatte. Dass die versprochenen Dollarmillionen aus Katar, die die Hamas so dringend benötigt, um die größte Not in Gaza stillen zu können, nicht pünktlich eintrafen, lag allerdings nicht an den Israelis, sondern an einem technischen Problem im Reiseplan des katarischen Emissärs. Die Hamas und der Islamische Dschihad rechneten sich zu Recht aus, dass sie Premier Netanjahu gerade jetzt bestens unter Druck setzen können, um noch mehr Konzessionen von den Israelis zu erpressen. Den Islamisten war klar, welchen Imageverlust eine mögliche Absage des ESC für Israel bedeutet hätte. 

Zwei Tage tobten die Kämpfe, auf der israelischen Seite von der Grenze zu Gaza bis nach Aschdod, rund 35 Kilometer vor Tel Aviv. Überall dort kam der israelische Alltag praktisch zum Erliegen. Nichts ging mehr, ununterbrochen heulten die Sirenen, die Menschen hatten nur wenige Sekunden Zeit, sich in die Schutzräume zu retten.

"Die Lage ist schrecklich"

Limor arbeitete an dem Abend, als Aschdod angegriffen wurde, als Kellnerin in einem Restaurant in Tel Aviv. Ihre Eltern leben in der Kleinstadt. Als die Meldung kam, ließ sie alles stehen und rief sofort daheim an. Mitten im Lokal sprach sie mit ihrer Mutter, ihrem Vater, alle Gäste und Kollegen nahmen Anteil. Ist alles in Ordnung? Ja? Sind sie in Sicherheit? Ja. Wie fühlst du dich? "Ach, das kennen wir doch. Alles ist in Ordnung, ich arbeite hier weiter und wenn wir auch noch hier angegriffen werden, dann gehen wir halt auch kurz in den Schutzbunker und machen dann weiter. Das ist doch Israel, nein? Wir geben niemals nach!" Alle Gäste nickten, die ausländischen Besucher bekamen das Gespräch ins Englische oder Französische übersetzt, und anders als die Israelis wirkten sie nicht ganz so selbstsicher und überzeugt, dass "alles gut sein werde".

Bereits wenige Stunden nach Beginn des Waffenstillstands konnte man an der Grenze zu Gaza kaum noch glauben, dass gerade eben noch massiv gebombt und gefeuert worden war. Ein heftiger Sharav-Wind blies heiß über die Landschaft, die Luft flimmerte, die Menschen auf beiden Seiten gingen stöhnend ihren Alltagsgeschäften nach, als sei nichts gewesen.

Die neuen Bombardierungen und Zerstörungen auf der palästinensischen Seite haben erneut Schrecken und Panik verbreitet. Aber die Palästinenser versuchen, sich abzulenken mit den Vorbereitungen auf den Fastenmonat Ramadan. "Wenn wir wenigstens in Ruhe durch den Monat kommen, dann ist das schon was", meint Samer, der als Fahrer in Gaza-Stadt sein Geld verdient. "Die Lage ist schrecklich. Schuld sind die Israelis, die arabischen Staaten, die uns hängen lassen ... " Er vollendet den Satz nicht. Doch es ist klar, was er eigentlich noch sagen will: Dass seine Regierung, Hamas, auch schuld ist an der Lage.