Es war ein denkwürdiger Moment. Ausgerechnet in jenem Zimmer des Palais Dietrichstein am Wiener Minoritenplatz, in dem 2002 Vizekanzlerin Susanne Riess von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) ihren Rücktritt erklären musste, hat nun Vizekanzler Heinz-Christian Strache seinen Rückzug von allen politischen Ämtern bekannt gegeben. Riess hatte kapitulieren müssen, weil ein Teil der Partei unter Führung von Strache und anderen ihr die Gefolgschaft aufgekündigt hatte. Sie brachte es auf zwei Jahre im Amt, Strache schaffte 17 Monate.

Mit der Ernennung zum Vizekanzler 2017 war Heinz-Christian Strache auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere. Seit seiner Übernahme der FPÖ nach ihrer Spaltung 2005 ging es für ihn stetig und ungebrochen immer nur aufwärts. Bis jetzt. Doch bis zu dem jüngsten Skandal um ein Enthüllungsvideo über ihn hat Strache einen langen Weg hinter sich gelegt.

Es ist der Weg eines Scheidungs- und Einzelkindes einer alleinerziehenden Mutter, aufgewachsen auf der "schlechten" Seite eines Wiener Innenbezirks, eines Internatsschülers und Schulabbrechers mit ausgeprägtem Bedürfnis, dazuzugehören. Empathisch ausgedrückt könnte man von einer Sehnsucht nach der Wärme in einer Gruppe, nach Zuwendung sprechen. Strache hat eine sensible, vielleicht auch unsichere Seite, bestätigen viele, die ihn gut kennen. Später wird er diese als Rabauke und Schreihals in der Politik kompensieren. Denn Karriere machte er als politischer Rüpel.

Prägend für ihn aber war wohl seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und einer Vaterfigur. Die eine fand er als 17-Jähriger in der deutschnationalen Burschenschaft Vandalia, die andere später zuerst im Vater seiner Freundin, dem Neonazi Norbert Burger, dann im FPÖ-Politiker und Zahnarzt Herbert Güntner und noch später in dem langjährigen Übervater der FPÖ, Jörg Haider. "Ich war auf der Suche", sagte Strache über seine Jugendzeit.

Diese Suche führte ihn ins rechtsextreme, nationalistische Lager von Norbert Burger. Es entstanden Bilder von Wehrsportübungen im Wald und Teilnahmen an rechtsextremen Treffen der Wiking-Jugend in Deutschland und der Deutschen Volksunion (DVU).

Ein Rächer der Wähler am politischen Establishment

Seine Suche endete 1989 bei der FPÖ. Mithilfe Güntners zuerst als jüngstes Mitglied des Bezirksrats seines Heimatbezirks, dann im Wiener Landtag, dann im Bundesparteivorstand, ab 2005 als Parteivorsitzender, und schließlich ab 2006 im Nationalrat des österreichischen Parlaments. Spätestens ab da begann er, das Gefühl, immer ein Außenseiter gewesen zu sein, als politische Strategie einzusetzen: Er und seine Partei als Rächer der Wähler am politischen Establishment. Strache begann nach dem "Vatermord" an Jörg Haider 2002, mit einer Gruppe Getreuer konsequent die Partei finanziell und auch politisch zu sanieren.

Trotz des Erfolges der FPÖ unter seiner Führung – die einstige Minipartei holte knapp 26 Prozent der Stimmen bei der Nationalratswahl 2017 – wurde Strache das Image der parteiinternen Marionette nie ganz los. Ein Gehilfe der Burschenschaften? Nachweisbar war das nie. Und was ist mit der angeblichen Abhängigkeit von der Intelligenz, Raffinesse und Sprachgewalt seines Generalsekretärs und Wahlkampfleiters Herbert Kickl, des jetzigen Innenministers? Einige, die Strache gut kennen, bestreiten das, und dennoch blieb in der öffentlichen Wahrnehmung Kickl das Hirn der Partei.

Mit immer schrilleren Tönen, immer härteren Angriffen auf die politischen Gegner, vor allem aber auf die Große Koalition von Sozialdemokraten und Volkspartei, eilte Strache von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Er war das oft wutverzerrte, zynische Gesicht der Freiheitlichen – mit großem Talent zur wirkungsvollen politischen Inszenierung. Dass er mitunter über das Ziel hinausschoss, schien ihm nicht zu schaden – auch nicht, als er sich in einer Wahlkampfveranstaltung mit dem Kreuz in der Hand zum Rächer und Retter des europäischen Christentums stilisierte.

Gut beraten oder eigenständig, Strache schien ein Gespür für den richtigen Moment zu haben, um eine Chance zu ergreifen. Das war nach dem Eintritt in die Politik als junger Bezirksrat so, als er sich zuvorkommend und arbeitseinsatzfreudig gab. Das war 2005 so, als er sich an die Spitze der FPÖ katapultierte. Und das war später so, als er den extremen Populismus und das politische Potenzial einer harten Anti-Ausländer-Politik entdeckte.