Wie verzweifelt, wütend und ratlos Benjamin Netanjahu nach der Auflösung der Knesset am Mittwochabend war, wurde deutlich, als er den absurden Versuch unternahm, seinen ultrarechten Rivalen Avigdor Lieberman als "Teil der Linken" zu brandmarken. Zur Erinnerung: Der radikal säkulare israelische Politiker Lieberman will Gaza wiedererobern, die arabischen Staatsbürger Israels zu einem Treueid auf den israelischen Staat verpflichten und er dachte sogar schon mal darüber nach, einen großen Teil der israelischen Araber und Araberinnen durch einen Landtausch mit der palästinensischen Autonomiebehörde loszuwerden.

Nach seinem Wahlsieg vor wenigen Wochen sah es so aus, als würden Netanjahu und seine Unterstützer mit einer Mehrheit von 65 Mandaten mühelos eine neue ultrarechte Koalition bilden können. Die Knesset, das israelische Parlament, hat 120 Sitze. Die Regierungsbildung scheiterte trotzdem. Der Grund: Avigdor Lieberman, der ehemalige Verteidigungsminister, und seine ultrarechte Partei Israel Beiteinu (auf Deutsch: Israel unser Heim) verweigerten Netanjahu in letzter Minute ihre Unterstützung und entzogen ihre fünf Mandate. Lieberman würde nur in die Koalition eintreten, wenn orthodoxe Männer, die bisher vom Militärdienst befreit sind, zukünftig ebenfalls eingezogen werden können. Es war eine unmöglich zu erfüllende Forderung. Netanjahu wäre vielleicht zu Zugeständnissen bei der Wehrplicht bereit gewesen, er hätte so aber die Unterstützung der beiden ultraorthodoxen Parteien und ihre 16 Mandate verloren.

Bis Mittwoch hatte Benjamin Netanjahu also lediglich 60 Mandate. Zu wenig, um eine Mehrheit im Parlament zu bilden, und zu wenig, um den Auftrag von Staatspräsident Reuven Rivlin zu erfüllen, fristgerecht eine Regierungsmehrheit zu stellen. Nach heftigen Debatten stimmte die Knesset in der Nacht auf Donnerstag und sechs Wochen nach den Wahlen dafür, sich selbst aufzulösen.

Netanjahu und Lieberman haben eine lange, komplexe und zum Teil hasserfüllte Beziehung. Lieberman begann einst seine politische Karriere als Bürochef Netanjahus. Dann gründete er seine eigene Partei, die zwar immer wieder an der Regierung beteiligt war, aber Netanjahu regelmäßig widersprach. Zuletzt gab Lieberman aus Protest über das "zu nachgiebige Verhalten" Netanjahus gegenüber der radikalislamischen Hamas in Gaza sein Amt als Verteidigungsminister auf und ging mit seiner Partei in die Opposition. Viele glauben deshalb, dass Liebermans Forderung nach einem Einberufungsgesetz für othodoxe Männer nur ein Vorwand war, um King Bibi, wie Netanjahu seit Jahren genannt wird, scheitern zu lassen. 

Die Neuwahl hätte verhindert werden können

Dass es nun zur Neuwahl kommen muss, hätte trotzdem verhindert werden können. Netanjahu hätte das Mandat an den Präsidenten zurückgeben und Benny Gantz, dem ehemaligen Generalstabschef mit seinem Blau-Weiß-Bündnis, das immerhin 35 Mandate gewonnen hatte, eine Chance geben können. Oder die Likud-Partei hätte sich dafür entscheiden können, Netanjahu abzusetzen, um mit Gantz' Blau-Weiß-Bündnis eine sofortige Koalition mit 70 Mandaten zu bilden. Gantz hatte signalisiert, dass er dazu bereit gewesen wäre. Die Likud-Politiker misstrauen und kritisieren Netanjahu seit Jahren. Jetzt hätten sie ihre Angst überwinden und ihren Putsch durchführen können.

Die Neuwahl also wofür? Der einzige erkennbare Grund ist der große letzte Kampf des Benjamin Netanjahu vor dem ihm drohenden Schicksal: Gefängnis.