Bevor Joe Biden ans Rednerpult schreitet, wirft er erst einmal sein Jackett ins Publikum. Dann nimmt er lässig die Pilotensonnenbrille ab. Als wolle der 76-jährige Politikveteran seinen Zuhörern beweisen, dass er noch längst nicht zum alten Eisen gehört, obwohl er schon zum dritten Mal für das höchste Amt im Staat kandidiert.

Es ist Samstagnachmittag in Philadelphia, Pennsylvania, und Joe Biden hält seine erste große Wahlkampfrede. Er war Vizepräsident und 26 Jahre lang Senator für Delaware. Im April hatte er bekannt gegeben, dass er sich für die Präsidentschaft bewerben will, und auch schon kleinere Auftritte absolviert. Hier in Philadelphia muss Biden nun beweisen, dass er auch auf der großen Bühne Menschen für seine Kampagne begeistern kann. Die Zuschauertribünen stehen nah beieinander. So wirkt die Veranstaltung gut besucht, obwohl nur etwa 6.000 Menschen gekommen sind – weit weniger als bei anderen Kandidaten. Biden will das Publikum davon überzeugen, dass er derjenige ist, der Donald Trump im kommenden Jahr besiegen kann.

Schon zu Beginn seiner Rede macht Biden klar, wie er dem missliebigen Präsidenten entgegentreten will. Sein Kampagnenmotto lautet "United", "Vereint" also. Die verfeindeten politischen Lager sollen unter seiner Führung wieder aufeinander zugehen. "Wenn die Bürger Amerikas einen Präsidenten wollen, der uns weiter auseinandertreibt, mit geballter Faust und hartem Herz führt und seine Gegner dämonisiert und Hass verbreitet – dann brauchen sie mich nicht", ruft Biden gleich zu Beginn seiner Rede. "Dafür haben sie Präsident Donald Trump." Er selbst stehe für einen anderen Weg.

Dieser andere Weg soll im Park des Philadelphia Museum of Art beginnen, dessen Stufen einst Sylvester Stallone im Film Rocky erklomm. Donald Trump gewann Pennsylvania vor zwei Jahren mit nur knapp 44.000 Stimmen Vorsprung. Auch 2020 dürfte der industriell geprägte Swing State wieder einen großen Einfluss auf das Wahlergebnis haben. Joe Biden ist zwar in Pennsylvania geboren, hat während seiner gesamten politischen Karriere allerdings den Bundesstaat Delaware vertreten. Dennoch schlägt er das Hauptquartier seiner Kampagne in Philadelphia auf. Der Fokus ist klar: Biden will nah bei den Wählern sein, die die Demokraten 2016 verloren haben – also ältere weiße männliche Wähler in den deindustrialisierten Bundesstaaten. Genau diese Wählerschaft müssen die Demokraten tatsächlich zurückgewinnen, um eine Chance gegen Trump zu haben.

Erfahrung hatte Hillary Clinton auch

Es geht um Wähler wie Ed Gavin, der unter einem Baum neben der Bühne gemeinsam mit seiner Frau Schnappschüsse von Biden anschaut. Der ehemalige IBM-Techniker ist nur ein Jahr jünger als Biden und wirkt zufrieden mit dessen Auftritt. "Ich glaube schon, dass er an die Wähler rankommt, die wir verloren haben", sagt Gavin. Gleichzeitig ist der Rentner aber auch skeptisch. "Engstirnige Menschen, die zum Beispiel Einwanderung komplett ablehnen, wird niemand überzeugen können." Aber Biden habe die Erfahrung, die es brauche, um das Präsidentensamt auszuführen.

Erfahrung ist das Wort, das viele hier verwenden, um zu erklären, warum sie im Feld der 24 Bewerber ausgerechnet diesen Kandidaten unterstützen. Von 1973 bis 2009 saß er im Kongress. Auf der Bühne hebt er allerdings die Erfolge der gemeinsamen Regierungszeit mit Barack Obama hervor. Biden erinnert an das Konjunkturprogramm nach der Finanzkrise 2008 und die Gesundheitsreform von 2010, die beide gemeinsam umgesetzt haben. Doch über umfangreiche Regierungserfahrung verfügte auch Hillary Clinton – und die verlor 2016 gegen Trump, obwohl dieser noch nie ein öffentliches Amt ausgeübt hatte. Worin also besteht der Unterschied zwischen Clinton und Biden? "Sympathie", sagt Gavin leicht verschämt.