Ein paar Meter weiter steht Linda, die zwar gern ihr Alter verrät (62 Jahre), aber nicht ihren Nachnamen. Auch ihr imponiert Bidens Erfahrung und sie glaubt, dass unter seiner Führung das Land wieder so funktionieren könne, "wie es sein sollte". Doch wirklich begeistert wirkt sie nicht. "Wer immer uns von Trump befreien kann, hat meine Stimme", sagt sie. Ähnliche Sätze hört man an diesem Tag häufig. Viele Zuhörer erwecken den Eindruck, als unterstützten sie Biden nicht aus Überzeugung, sondern weil sie glauben, dass er eine Chance gegen Trump habe. Viele können sich auch andere Kandidaten vorstellen. Linda schwärmt zum Beispiel von der linken Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts, die zu wenig Anerkennung für ihre durchdachten Forderungen erhalte. Auch Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien, können sich einige hier als Kandidatin vorstellen. Es wirkt, als sei Biden für viele hier eher ein Kompromisskandidat.

Tia Hopkins, die mit ihrem Sohn hinter der Pressetribüne steht, wirkt dagegen auf den ersten Blick wie eine überzeugte Unterstützerin. Sie trägt ein blaues Shirt, auf dem in Parodie auf den Wahlkampfslogan des US-Präsidenten "Make America Joe Biden again" steht. Das T-Shirt habe sie aus Vorfreude schon gekauft, bevor Biden seine Kandidatur bekannt gab, sagt Hopkins. Die 30-Jährige hofft, dass Biden "die Normalität zurückbringt, die wir hatten, bevor Trump gewählt wurde". Die Aktivistin der demokratischen Jugendorganisation ist aus Baltimore angereist, um Biden sprechen zu hören.

Doch auch bei Hopkins ist mehr Pragmatismus als Enthusiasmus zu spüren. Sie wisse, dass Biden, der als politisch moderat gilt, nicht all ihre Wunschvorstellungen umsetzen werde. "Aber wenig ist besser als nichts. Und weil Trump Präsident ist, können wir derzeit eben gar nichts voranbringen." Säße ein Demokrat im Weißen Haus, würde sich das ändern. Und dass dieser Demokrat Joe Biden heißt, davon ist Hopkins aufgrund der guten Umfragewerte überzeugt. Am Freitag erst zeigte eine Erhebung des konservativen Nachrichtensenders Fox News, dass Biden gegenüber Trump einen Vorsprung von 11 Prozent habe. Im Wettbewerb um die Nominierung der Demokraten führt er demnach mit 35 Prozent vor dem 77-jährigen Bernie Sanders, der auf 17 Prozent kommt.

Moderater als viele andere Bewerber

Entsprechend selbstsicher tritt Biden in Philadelphia auf. Auf seine Mitbewerber geht er kaum ein, stattdessen macht er Witze über den US-Präsidenten, der aus wohlhabenden Verhältnissen stammt. "Trump hat den Wirtschaftsaufschwung der Obama-Biden-Regierung geerbt, genau wie er alles andere im Leben auch nur geerbt hat", ruft Biden und erntet Gelächter. Überhaupt kommen die Verbalangriffe auf Trump bei den Zuhörern offenkundig besser an als die Aufrufe zur "nationalen Einheit". Obwohl Biden in seiner Rede den höflichen politischen Diskurs beschwört, arbeitet er sich in seiner Rede immer wieder mit kleinen Spitzen an Trump ab. Auch inhaltlich vermag er sich kaum vom US-Präsidenten zu lösen. Zum Thema Klimapolitik sagt er: "Der wichtigste Programmpunkt in meinem Klimaplan ist, Donald Trump zu besiegen."

Auch sonst geht Biden in seiner knapp 30-minütigen Rede nicht besonders detailliert auf seine politischen Vorstellungen ein. Bei den Themen, zu denen er sich äußert, positioniert er sich moderater als viele andere Präsidentschaftsbewerber. Während Bernie Sanders beispielsweise eine staatliche Krankenversicherung für alle Amerikaner fordert, will Biden nur eine freiwillige Möglichkeit schaffen, sich staatlich zu versichern. Während Elizabeth Warren die oft horrenden Studiengebühren an US-Universitäten komplett abschaffen möchte, will Biden nur den Besuch von Community Colleges entgeltfrei ermöglichen.

In Philadelphia bekommt er dennoch reichlich Applaus, als er die Bühne verlässt. Selbst als die meisten Zuhörer den Park schon verlassen haben, nimmt Biden sich noch mehr als eine halbe Stunde Zeit für Selfies und einen kurzen Plausch mit seinen Anhängern. Im Hintergrund läuft We're Not Gonna Take It von der Rockband Twisted Sister: "Wir machen das nicht mehr mit." Das Lied handelt von Rebellion. Den Aufstand gegen Donald Trump soll nach Meinung vieler hier Joe Biden anführen. Nicht weil er besonders rebellisch ist, sondern weil er gewinnen kann.