Jörg Meuthen im Gespräch mit Redakteuren von ZEIT ONLINE © Jakob Weber für ZEIT Online

Schon jetzt schaffen es die Rechtskonservativen und Rechtspopulisten im EU-Parlament selten, sich auf eine einheitliche Linie zu verständigen. Das Stimmverhalten in den Fraktionen ist divers. Er habe schon in der endenden Wahlperiode oft gemeinsam mit der Lega abgestimmt – also einer Partei außerhalb seiner jetzigen Fraktion, sagt Meuthen.

Ob seine neue Allianz auch in Deutschland Strahlkraft entwickeln kann, ist eher ungewiss. In den deutschen Umfragen zur Europawahl liegt die AfD bei zwölf Prozent – sie könnte schlechter abschneiden als bei der Bundestagswahl. Bei seinen Auftritten lästert Meuthen über das regulierungswütige Brüssel, über die Kondom-Richtlinie (mindestens 16 Zentimeter Länge), die Verordnung für Schnullerketten (maximal 22 Zentimeter) oder die Pizza-Napoletana-Verordnung ("rund, maximal 35 Zentimeter"). 

Klimawandel doch menschengemacht?

Doch die Stimmungsmache überdeckt, dass seine Vision von einem rechten Europa unklar bleibt. Er fordert, dass die Nationalstaaten der EU so viel wie möglich untereinander regeln und nur ein Minimum von Brüssel aus – Dinge wie den Fischfang etwa, den Umweltschutz. "Wenn wir den Rhein schützen wollen, dann geht das Brüssel was an", sagt er.  Entschieden werden solle auf EU-Ebene künftig streng nach dem Prinzip der Einstimmigkeit. Es wäre eine Rückkehr also zum Zustand vor dem Vertrag von Lissabon 2009, der das Einstimmigkeitsprinzip aufweichte, um die EU handlungsfähig zu halten.

Derzeit belastet auch die Regierungskrise in Österreich Meuthens neue Allianz: Wo die Rechten regieren, herrscht Chaos, diesen Eindruck könnte die Ibiza-Affäre der FPÖ bei bürgerlichen Wählern in Deutschland hinterlassen. Meuthen tut alles, den Skandal als Verfehlung Einzelner abzutun. Das Ganze habe keine Wirkung auf Deutschland, sagt er. Die FPÖ bleibe Partner der AfD. 

Doch auch die AfD hat mit inneren Konflikten zu kämpfen. Ihre "Dexit"-Forderung weichte die Partei im Wahlkampf auf. Innerhalb der "Festung Europa" (Meuthen) schätzt er zwar die "Freiheit von Grenzkontrollen", seine Partei fordert in ihrem Programm aber Kontrollen an Binnengrenzen. 

Die AfD bestreitet, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Meuthen gestand dann aber jüngst in einer ARD-Wahlsendung: "Es spricht relativ viel für antropogene (vom Menschen verursachte, d. Red.) Einflüsse."

Wenn es gut läuft für Meuthen, könnte er mit einem Dutzend weiterer deutscher Abgeordneter ins Parlament einziehen. Seine Allianz stellt bei den aktuellen Machtverhältnissen im Parlament knapp 30 Abgeordnete. Nach der Wahl könnte sie auf mehr als 70 Mitglieder anwachsen und dritt- oder viertgrößte Gruppe werden. Um das Parlament mit seinen 751 Gewählten zu dominieren, reicht das zwar nicht. Doch als laute Minderheit könnten sie stark genug werden, um eine Mehrheit der Mitte-Parteien zu blockieren. Das Parlament muss immerhin über die neuen EU-Kommissare abstimmen. Die Rechten sind also trotz ihrer inneren Zerrissenheit ein Machtfaktor. Außerdem bestimmen sie längst europäische Politik: über die Regierungen in Warschau, Budapest, Rom, bis vor Kurzem auch in Wien.