Kamala Harris lässt nicht locker. Hartnäckig sein, Fragen stellen, das kann die Senatorin aus Kalifornien. Das hat sie gelernt als Staatsanwältin. Keine schlechte erste Karriere, um sich auf die Machtspiele in Washington vorzubereiten. Es ist Juni 2017, der Justizminister heißt noch Jeff Sessions. Er soll im Justizausschuss des Senats Auskunft darüber geben, ob er während des Wahlkampfs von Donald Trump Kontakte zu russischen Offiziellen oder Geschäftsmännern hatte. Eine einfache Frage, Harris stellt sie deutlich – und mehrfach. Sessions findet keine klare Antwort. "Ich erinnere mich nicht …", "Ich weiß nicht mehr …", bleibt der Justizminister vage. Harris hakt nach, bis Sessions wie ein verunsicherter kleiner Junge ruft: "Es macht mich nervös, wenn ich gehetzt werde." Sessions hinterlässt keinen guten Eindruck. Harris schon. Spätestens seit diesem Auftritt  ist die 54-Jährige nicht länger nur die Senatorin aus Kalifornien, die in ihrem Heimatstaat und ein paar Arbeitsgruppen auf dem Kapitol bekannt ist.

Am Mittwoch dieser Woche knapp zwei Jahre später wiederholt sich das Schauspiel: Der Justizminister heißt mittlerweile William Barr, die Fragen drehen sich um den Mueller-Report. Als Harris das Wort erhält, stellt sie Barr eine klare Frage: Hat der Präsident oder jemand im Weißen Haus ihn jemals darum gebeten oder suggeriert, eine Ermittlung gegen irgendjemanden einzuleiten? "Ja oder nein?", fragt Harris, als sich Barr herausreden will. Daran sollte man sich doch erinnern, hakt Harris nach. Der Justizminister schweigt. Nach der Anhörung wird Harris vor Reportern sagen, der Trump-Vertraute Barr sollte ihrer Meinung nach zurücktreten.

Die Anzahl der Reporter, die sich nach Anhörungen wie diesen um Harris scharen, hat sich drastisch erhöht, seit Harris Ende Januar in den Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten einstieg. Von den mittlerweile 20 Kandidatinnen und Kandidaten gilt Haris neben den weißen, älteren Männern Joe Biden und Bernie Sanders als eine der aussichtsreichsten Frauen.

Harris hat afroamerikanische und indische Wurzeln. Sie ist die erste nicht weiße Frau, die in San Francisco Bezirksstaatsanwältin wurde; die erste, die in Kalifornien Generalstaatsanwältin wurde. Sie ist die zweite woman of color, die es in den US-Senat geschafft hat. Sie wurde in der Nacht gewählt, als Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewann. Der Mann, der möglicherweise strafbare Handlungen in seiner Karriere begangen hat. Es wäre ein Duell, das sich Fernsehproduzenten nicht besser ausdenken könnten.

Und Harris nutzt ihre Biografie für ihren Wahlkampf und kontrolliert ihre Erzählung. Kurz vor ihrer strategisch bestens terminierten Verkündung ihrer Kandidatur am Martin-Luther-King-Feiertag veröffentlichte Harris ihre Biografie The Truths We Hold. Harris ist Tochter einer indischen Mutter und eines Vaters aus Jamaika, die beide für ihre Doktorarbeit in die USA kamen. Nach der Scheidung erzog Harris Mutter die beiden Töchter größtenteils alleine und in der schwarzen Gemeinde, unter Aktivistinnen und Aktivisten.

Slogan "For the People"

Ihre Entscheidung, Jura zu studieren und in die Strafverfolgung zu gehen, beschreibt Harris nicht nur bei Wahlkampfauftritten immer wieder als eine schwierige, die sie gegenüber ihrer Familie verteidigen musste. "Wenn Aktivisten demonstrierten und an Türen schlugen, wollte ich diejenige auf der anderen Seite sein, die sie hereinlässt", schreibt sie in The Truths We Hold. Sie wollte nicht wie ihre Familie und ihr Umfeld auf der Straße für Veränderung kämpfen, sondern dort sitzen, wo sie die Macht hat, Veränderungen umzusetzen.

Während ihres Studiums ist Harris Mitglied bei Alpha Kappa Alpha, der ersten schwarzen Frauenschaft des Landes. Sie unterstützt Harris auch in ihrem Wahlkampf. Ihre jüngere Schwester Maya leitet Harris' Kampagne, sie war eine der Topberaterinnen von Hillary Clinton 2016 und arbeitet unter anderem für die American Civil Liberties Union, eine Non-Profit-Organisation, die sich für Bürgerrechte einsetzt.

Und Harris' Wahlkampfslogan erinnert wohl nicht zufällig an Barack Obamas Kampagnen von "hope" und "change". Auf ihren Plakaten steht "Kamala Harris – For the People". Für die Leute möchte Harris Präsidentin werden, in ihren Reden betont sie immer und immer wieder, sie sei der Wahrheit verpflichtet. Das bildet nicht nur einen guten Kontrast zu Donald Trump, sondern schafft auch eine Verbindung zu ihrer Karriere als Staatsanwältin.

Doch die ist es auch, für die sie bei progressiven Demokraten und Wählern in der Kritik steht. Die Inszenierung als progressive Kandidatin durch ihren familiären Hintergrund und ihre politischen Positionen gelingt nicht ohne Weiteres. "Kamala the cop" wird sie auch genannt. Weil sie als Staatsanwältin Teil des Systems war und, so die Kritik, nicht genug dafür getan hat, dieses zu verändern. Unter ihr als Bezirksstaatsanwältin wurden Eltern juristisch belangt, die ihre Kinder nicht zur Schule schickten. Eine Initiative, die Todesstrafe in Kalifornien abzuschaffen, unterstützte Harris nicht, obwohl sie an sich gegen sie ist. Doch ein Risiko bei einem derart kontroversen Thema ging sie nicht ein und hielt sich zurück.