Bislang hat sie sich im Wahlkampf pragmatisch progressiv gezeigt, auch das erinnert an Barack Obama. Ihr Wahlkampfprogramm hat die für Demokraten alle wichtigen Punkte: eine Krankenversicherung für alle Amerikaner, keine Studiengebühren für Familien mit geringem Einkommen, Klimaschutz und einen Green New Deal, sie unterstützt Frauenrechte, striktere Waffengesetze und tritt für steuerliche Entlastungen für die Mittelschicht ein. Ihr LIFT Act ist der Kern ihres Wirtschaftsprogramms, mit diesem Gesetz sollen Familien mit niedrigem Einkommen mit bis zu 500 Dollar pro Monat steuerlich entlastet werden. Um das zu finanzieren, will sie Trumps Steuerpolitik umkehren, die große Unternehmen entlastet.

Was die Außenpolitik betrifft, ist Harris "ein unbeschriebenes Blatt", sagt Tyson Barker vom Aspen Institute, einem euroatlantischen Thinktank. Bei allen globalen Themen wie China, Nato, Handel, Iran, oder Russland habe Harris ihre Positionen noch nicht formuliert. Ihre Vorteile im Kampf um die Nominierung ihrer Partei? "Sie hat eine exzellente Fundraising-Basis mit dem Silicon Valley und L.A., und sie wird in Südstaaten wie South Carolina sehr wettbewerbsfähig sein, weil schwarze Frauen dort den Hauptwähleranteil ausmachen", sagt Tyson.

Bei Wahlkampfauftritten zeigt sich Harris' Familie so divers, wie Amerika ist und die Demokraten die Zukunft des Landes gerne sehen würden. Ihr Ehemann Doug Emhoff ist weiß, ihre Schwester mit einem Afroamerikaner verheiratet. Aber sie ist auch Projektionsfläche all derer, die seit der Trump-Präsidentschaft wieder verstärkt Amerikas hässliche Seite gezeigt hat: die der Frauenfeinde und Rassisten.  

Harris überlässt wenig dem Zufall

Harris ist eine Politikerin, die ihre Worte genau abwägt, nicht leicht einzufangen ist. "Aufreizend schwer zu fassen", schrieb es schon 2007 das  San Francisco Magazine, ein aktuelles Porträt im The Atlantic zeichnet ein ähnliches Bild. Doch auch das ist Harris: In einem Interview mit The Root nannte sie Donald Trump einen Rassisten. Sie scheute nicht davor zurück.

"Wir können unsere Nation heilen", sagte Harris bei ihrem Wahlkampfauftakt Ende Januar in Oakland. Der Kitsch gehört dazu und 20.000 Menschen jubelten. Ob Harris die Chance bekommt, Amerika zu heilen? Noch ist es früh im Wahlkampf, Harris liegt in Umfragen hinter Sanders und Biden, allzu groß ist der Abstand nicht.

Und Harris lernt. In ihrem immer gleichen Outfit aus dunklem Anzug oder Kostüm, Perlenschmuck und Pumps kommt sie immer besser an bei ihren Auftritten quer durchs Land. Ganz Profi, alle Inhalte immer parat. Aber auch ausgestattet mit einer charmanten Wärme und einem nicht gestellt wirkenden Lachen, das in den Dinern von Kalifornien bis Kansas so wichtig ist.

Niemand hatte an einen Kandidaten Barack Obama geglaubt, niemand glaubte an einen Kandidaten Donald Trump. In der amerikanischen Politik ist vieles möglich. In diesen Zeiten umso mehr. Und Kamala Harris ist eine Frau, die bislang wenig Fehler macht.

Sie wandelt zwischen den explizit linken Positionen eines Bernie Sanders und der Establishment-Politik der Demokraten, für die Joe Biden steht. Die ersten TV-Debatten werden mehr Aufschluss darüber liefern, wie weit sich Harris dafür entscheidet, einem Weg klarer zu folgen, oder ob sie den Spagat versucht.